Ein Scheck über 1.400 Dollar (rund 1.200 Euro) im Briefkasten? Das lädt zum Träumen ein: Ein neuer Kühlschrank, den Pick-up reparieren lassen oder die nächste Rate abbezahlen - Möglichkeiten bieten sich US-Amerikanern genug, um das Geld auszugeben, das ihnen im Rahmen des 1,9 Billionen Dollar (1,6 Billionen Euro) schweren Konjunkturpakets demnächst ins Haus flattert.

Experten gehen mittlerweile aber davon aus, dass ein Teil der Empfänger das vom Staat verteilte Gratis-Geld gar nicht wie vorgesehen in Konsumartikel stecken wird, sondern damit lieber auf den boomenden Aktienmarkt setzt. "Ich denke, dass ein großer Teil der Stimulierungsgelder in den Markt fließen wird, und ich denke, dass es vor allem ein Katalysator für Zuwächse sein wird", sagt Randy Frederick, Vizepräsident für Handel und Derivate beim Finanzmakler Charles Schwab.

Der US-Kongress verabschiedete das von Präsident Joe Biden initiierte Hilfspaket - eines der größten in der Geschichte der USA - in der Nacht zum Donnerstag. Es soll die durch die Coronapandemie gebeutelte Wirtschaft wieder in Schwung bringen, auch durch das Ankurbeln des privaten Konsums durch einen Geldregen. Jeder US-Bürger, der weniger als 80.000 Dollar im Jahr verdient, erhält deshalb 1.400 Dollar. Steuerexperten gehen davon aus, dass der Internal Revenue Service (IRS) die Schecks noch in diesem Monat verschicken wird.

37 Prozent der Förderung in Aktien

Eine Umfrage der Deutschen Bank unter 430 Privatanlegern ergab aber im vergangenen Monat, dass diese im Durchschnitt 37 Prozent der Fördergelder direkt in Aktien investieren wollen. Wenn nur Personen mit Online-Konten dieses Geld für Aktien ausgäben, flössen weitere 25 Milliarden Dollar an die Börsen, rechnet Parag Thatte, Stratege bei der Deutschen Bank, vor. Wenn alle Empfänger der "Stimulus Checks" im gleichen Verhältnis Geld an der Börse einsetzten, würden sogar bis zu 150 Milliarden Dollar in die Aktienmärkte gepumpt. Der US-Aktienindex Dow Jones notiert schon jetzt auf Rekordniveau.

Mittlerweile verzeichnen US-Aktienfonds rekordverdächtige Zuflüsse von etwa 15 Milliarden Dollar pro Monat. "Die zusätzlichen Mittel aus den Konjunkturpaketen könnten beträchtlich sein, insbesondere wenn sie schnell eingesetzt werden", betont Thatte. Die Strategen von Goldman Sachs haben kürzlich ihre Schätzung für die Netto-Aktiennachfrage der Haushalte im Jahr 2021 von 100 auf 350 Milliarden Dollar angehoben. Gründe seien ein schnelleres Wirtschaftswachstum, höhere Zinsen als bisher angenommen sowie die zusätzlichen Konjunkturzahlungen an Privatpersonen. "Wir erwarten, dass die Haushalte die größte Quelle der Aktiennachfrage in diesem Jahr sein werden", schrieben die Goldman-Strategen.

Zusätzlichen Schub könnte der durch Kleinanleger ausgelöste Hype um Aktien wie die des Videospielehändlers Gamestop bringen. Vor allem jüngere Anleger organisieren sich über Social-Media-Plattformen wie dem beliebten WallStreetBets-Forum und treiben so den Kurs bestimmter Aktien in die Höhe. Weil gerade junge Erwachsene häufiger am unteren Ende der Einkommensklassen zu finden seien und daher eher die "Stimulus Checks" erhielten, könnte dieser Trend noch weiter angetrieben werden, sagt Börsenexperte Frederick. Seit Tagen klettern die Aktien von GameStop wieder nach oben. Auch weitere in Internet-Anlegerforen beliebte Titel legen zu - etwa die Kinokette AMC oder der Kopfhörer-Anbieter Koss.

Während der Coronapandemie verbringen die Menschen deutlich mehr Zeit zuhause vor ihren Bildschirmen. Das heizte auch den Online-Handel mit Aktien an. Allein beim Broker TD Ameritrade eröffneten von Jänner bis September 2020 fast 1,76 Millionen Privatkunden ein Konto - ein Rekord für das Unternehmen. "Die Leute haben Zeit, die Leute haben Interesse, und jetzt fangen sie tatsächlich an zu verstehen, was es ist, in das sie investieren", sagte JJ Kinahan, Chef-Marktstratege bei TD Ameritrade. "Man sieht wirklich ein Interesse des einzelnen Anlegers, das wir so zuvor noch nie gesehen haben." (apa/reuters)