Die europäischen Währungshüter wollen das Tempo ihrer Anleihenkäufe erhöhen, um den jüngsten Anstieg der Renditen von Staatsanleihen der Euro-Länder einzudämmen. Die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, und die anderen Ratsmitglieder kündigten am Donnerstag nach der Zinssitzung an, dass die Ankäufe im Rahmen des Kaufprogramms PEPP während des nächsten Quartals deutlich umfangreicher ausfallen werden als während der ersten Monate des Jahres.

Ihre Konjunkturprognose für die von der Coronakrise gebeutelte Wirtschaft im Euroraum hat die EZB ungeachtet der zweiten Pandemiewelle etwas angehoben. Für heuer rechnen die EZB-Volkswirte jetzt mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,0 Prozent. Im Dezember hatten die Notenbank-Ökonomen noch 3,9 Prozent vorhergesagt.

Anstieg der Verbraucherpreise um 1,5 Prozent erwartet

Die EZB-Ökonomen erwarten für dieses Jahr jetzt einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,5 Prozent. Noch im Dezember lautete die Prognose auf 1,0 Prozent. Für 2022 werden 1,2 (1,1) Prozent und für 2023 dann unverändert 1,4 Prozent vorhergesagt. Die Währungshüter würden somit weiterhin für Jahre ihr Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent verfehlen, das sie für die Wirtschaft mittelfristig als optimal erachten. Diese Marke erreichen sie bereits seit Jahren nicht.

"Die Inflation hat in den letzten Monaten angezogen, hauptsächlich aufgrund einiger vorübergehender Faktoren und eines Anstiegs der Energiepreise", sagte Lagarde. "Gleichzeitig bleibt der zugrundeliegende Preisdruck angesichts der schwachen Nachfrage und der erheblichen Flaute auf den Arbeits- und Gütermärkten gedämpft."

Ein neues Stützungspaket für die Wirtschaft beschloss die EZB nicht. Sie hatte erst zum Jahresende 2020 ihre Konjunkturhilfen abermals ausgebaut und unter anderem den Kaufrahmen des PEPP-Programms erneut aufgestockt. Auch den Leitzins beließ die Notenbank auf seinem Rekordtief von 0,0 Prozent. Dort steht er inzwischen seit März 2016.

Höhere Kreditkosten kämen zur Unzeit

Zuletzt waren die Renditen von Staatsanleihen der Euro-Länder kräftig nach oben geklettert. Das hatte bei einigen Ratsmitgliedern Sorgen ausgelöst, die Kreditkosten im Euro-Raum könnten sich unerwünscht erhöhen. Mitten in der Pandemie käme das für die Notenbank zur Unzeit. Sie hatte in Aussicht gestellt, weiterhin für die Wirtschaft niedrige Finanzierungskosten sicherzustellen.

Die EZB hatte der Wirtschaft im vergangenen Jahr mit umfangreichen Stützungshilfen unter die Arme gegriffen, um den Kreditfluss während der Pandemie am Laufen zu halten. Dazu gehörten extrem günstige, langfristige Kreditspritzen für Banken und ein "PEPP" getauftes neues Anleihenkaufprogramm. Dieses wurde inzwischen bereits zweimal aufgestockt und hat mittlerweile einen Kaufrahmen von 1,85 Billionen Euro. Die Käufe sollen noch bis mindestens Ende März 2022 laufen. Rund eine Billion Euro des Kaufrahmens sind noch ungenutzt.

An ihrem Einlagesatz hielt die EZB am Donnerstag ebenfalls fest. Dieser liegt inzwischen bei minus 0,5 Prozent. Das Minus-Zeichen bedeutet, dass Banken Strafzinsen zahlen müssen, wenn sie bei der Notenbank überschüssige Gelder horten. Die EZB hatte den Satz erstmals 2014 auf unter Null Prozent gesetzt.