Die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise kostet Milliarden. Und zwar in allen großen Volkswirtschaften dieser Welt. Wie diese Milliarden aber eingesetzt und wofür sie aufgewendet werden, ist sehr unterschiedlich. In der EU setzt man mit dem Corona-Aufbaufonds auf digitale und klimafreundliche Investitionsimpulse, die die Konjunktur durch langfristige Wachstumsprojekte ankurbeln soll. Die USA gehen einen anderen Weg - unter anderem mit Direktzahlungen an Haushalte. Beides ist klug, sagen Ökonomen. Und: Was für Europa gut ist, muss nicht auch jenseits des Atlantik fruchten.

Zur Erinnerung: Die USA haben unter dem neuen Präsidenten Joe Biden vergangene Woche ein 1,9 Billionen US-Dollar (1,6 Billionen Euro) schweres Corona-Paket beschlossen, das größte Konjunkturpaket ihrer Geschichte. Im Zuge dessen soll jeder US-Haushalt mit einem Jahreseinkommen von bis zu 80.000 US-Dollar eine Einmalzahlung von 1.400 US-Dollar bekommen. Das erhöhte Arbeitslosengeld, das demnächst ausgelaufen wäre, wird bis 6. September verlängert. Über 200 Milliarden US-Dollar fließen in Bildung und Betreuung. Zudem soll ein Teil des Geldes für eine Impfkampagne und die rasche Durchimpfung der Bevölkerung aufgewendet werden.

Die EU geht mit ihrem im Vormonat beschlossenen Aufbaufonds, der Recovery and Resilience Fascility (RFF) einen andern Weg. 750 Milliarden Euro fließen in digitale und ökologische Aufbauprojekte in den einzelnen Mitgliedsstaaten. 312,5 Milliarden gibt es als Zuschüsse, 360 Milliarden Euro als Darlehen. Der Rest der 750 Milliarden wird über Programme im EU-Haushalt ausgereicht. Dafür nehmen die EU-Staaten das erste Mal in ihrer Geschichte gemeinsame Schulden auf. Die Mittelverteilung erfolgt quasi bedarfsorientiert, Italien und Spanien, die vom Corona-Virus besonders stark betroffen waren bekommen 65 Milliarden beziehungsweise 59 Milliarden, auf Deutschland enfallen circa 22 Milliarden, und Österreich soll 3,3 Milliarden aus diesem Topf bekommen.

Bis Ende April müssen die EU-Staaten zu fördernde Projekte vorlegen, der EU-Rat muss diese dann genehmigen. Ein Punkt könnte die Auszahlung der Mittel noch verzögern: Alle 27 EU-Staaten müssen den Eigenmittelzuschuss, also deren budgetären Beitrag zum Paket, noch ratifizieren. Und darüber wird in einigen EU-Ländern wie etwa Italien heftig gestritten.

Schnelle Erholung

Das Paket ist nur halb so groß wie jenes der USA. "Die EU hat im Vorjahr sehr große Summen für die Pandemie-Bekämpfung ausgegeben", sagt Atanas Pekanov, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Heuer hinke die EU, was die fiskalischen Maßnahmen angeht, im Vergleich hinterher. "Die USA verteilen schnell, massenhaft sehr viel Geld, das möglichst großflächig in den Konsum fließen soll und so zu einer raschen Erholung der Wirtschaft führen soll. Manche sprechen sogar von einer Überhitzung des Marktes", sagt Pekanov.

Europa setzt auf Investitionsimpulse und eine langsamere, aber dafür längerfristige, nachhaltige Erholung. Der Aufbaufonds sei auch eine Standortfrage, vor allem, was Investitionen in digitale Projekte und erneuerbare Energien betreffe. Was in den USA funktioniert, muss in Europa nicht unbedingt fruchten und umgekehrt.

Die meisten EU-Staaten hatten schon vor der Corona-Krise ein engmaschigeres soziales Netz als die USA. Wer in USA arbeitslos wird, verliert in vielen Fällen sofort seine Sozialversicherung und bekommt oft kein und nur für kurze Zeit ein Arbeitslosengeld. Das ist hierzulande und in vielen ander EU-Staaten anders. Arbeitslosengeld, Sozialversicherung und andere Absicherungsmechanismen wirken nach einem Jobverlust länger nach. Deshalb ist auch der Wohlstandsverlust nicht so abrupt.

Dennoch werden die USA, glaubt Pekanov, von ihrem Gießkannenmodell heuer, was das Wirtschaftswachstum betrifft, wohl stärker profitieren als die EU-Länder. Hinzu kommt, dass die Durchimpfung der Bevölkerung in den USA gerade deutlich schneller vonstatten geht als in den EU-Ländern. Welches Land wie schnell impft, wird am Ende des Tages auch zur Standortfrage werden.

Langfristige Standort-Frage

Experten warnen zudem davor, dass Bidens Konjuktur-Paket nicht nur in den Konsum, sondern auch in Aktien fließen könnte. Außerdem könnte dadurch die Sparquote steigen. Das liegt daran, dass mit 80.000 Dollar Jahreseinkommen relativ großzügig und breitenwirksam gefördert wird. Das heißt, dass nicht alle Haushalte, die in den kommenden Wochen einen Scheck in ihrem Postfach finden, akut auf dieses Geld angewisen sind.

Dass heißt aber auch, dass der ohnehin schon boomende Aktienmarkt noch weiter beflügelt würde. Die Deutsche Bank in den USA schätzt, dass bis zu 150 Milliarden Dollar durch die Haushaltsschecks zusätzlich in den Aktienmarkt fließen könnten. Mittlerweile verzeichnen US-Aktienfonds Zuflüsse von bis zu 15 Milliarden US-Dollar wöchentlich. Manche Ökonomen warnen deshalb angesichts des rasanten Wachstums vor einer Blase.

Stefan Schleicher, Ökonom der Universität Graz, hat eine einfache Erklärung für diese Entwicklung. "In den USA ist der Zwang zum Sparen und Veranlagen sehr groß, weil die öffentliche Altersvorsorge kaum vorhanden ist." Viele US-Amerikaner legen ihr Geld deshalb in Aktien an. "In den USA herrscht eine unterschiedliche Kultur vor. Dort ist es ganz normal ,als Bürger in Aktien zu investieren", sagt auch Pekanov. Hierzulande würde eher Eigentum investiert.

Neben den Direkthilfen sollen in den USA auch grüne Infrastruktur-Projekte finanziert werden. Die Biden-Administration hat sich ja Klimaneutralität bis 2050 zum Ziel gesetzt. Anders als im EU-Paket spielen das aber eine untergeordnete Rolle. Während die USA auf schnelle Erholung setzen, will die EU langfristige Impulse setzen.

Während die USA mit Direktförderung an die Haushalte ihre Wirtschaft ankurbeln wollen, setzt die EU auf Investitionsförderung. Was für die USA gut ist, ist in Europa nicht zwingend nötig, und umgekehrt.