Das riesige Schiff rührt sich noch immer nicht. Trotz tagelanger Arbeit ist es Schleppern bisher nicht gelungen, den festsitzenden Frachter im Suezkanal freizulegen. Ein Baggerschiff hat inzwischen 17.000 Kubikmeter Sand um den Bug der "Ever Given" weggesaugt, wie die Suezkanal-Behörde am Freitag mitteilte. Am Dienstag war der 400 Meter lange Frachter, der unter der Flagge Panamas fährt, in einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt auf Grund gelaufen.

Mehrere Länder hatten Ägypten Unterstützung angeboten. Unter anderem hilft ein Unternehmen aus den Niederlanden bei der Bergung. Neben den Baggerarbeiten soll auch das Gewicht des Schiffes verringert werden, wie ein Sprecher des Unternehmens Boskalis der niederländischen Agentur ANP sagte. Einen Erfolg in kurzer Zeit hält die Firma nicht für möglich. Der japanische Eigentümer hofft indes, den Frachter an diesem Wochenende freizubekommen.

Knapp 200 Schiffe in Warteposition

Die Schifffahrt auf dem Kanal ist bis auf weiteres eingestellt. Nach Information der dänischen Reederei Mærsk stecken knapp zweihundert Schiffe in beiden Richtungen fest. Nach Angaben des Seefahrts- und Logistikunternehmens GAC sind wegen des Staus bereits die Ankerplätze um die Stadt Suez überfüllt. Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd hat inzwischen begonnen, erste Schiffe auf den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung zu schicken. Die Fahrten verlängerten sich dadurch um rund eine Woche, wie ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur sagte. Von Hapag-Lloyd befinden sich fünf Schiffe im Kanal.

Der Stau auf dem Suezkanal verschärft nach Einschätzung der Allianz das Problem der Lieferverspätungen und -unterbrechungen im Welthandel. Eine Analyse von Volkswirten des Versicherers kommt zu dem Ergebnis, dass die Blockade pro Woche zu Einbußen von sechs bis zehn Milliarden Dollar (fünf bis 8,5 Milliarden Euro) für den Welthandel führt. Durch den Kanal seien 2019 13 Prozent des gesamten Welthandelsvolumens befördert worden.

Deutschlands Maschinenbauer spüren Engpässe bereits auch ohne Stau - vor allem bei Lieferungen von elektronischen Bauteilen aus Asien. Die Blockade könne die Situation nun weiter verschärfen, warnte der Branchenverband VDMA. Mit Auswirkungen rechnet dessen Chefvolkswirt Ralph Wiechers aber erst in einigen Tagen.

Unterbrochene Lieferketten

Die Blockade trifft auch andere Branchen. "In der Chemieindustrie und bei ihren industriellen Kunden sind momentan die Lieferketten aus Asien unterbrochen", sagte Henrik Meincke, Chefvolkswirt des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt. Dadurch komme es zu Engpässen bei wichtigen Vorprodukten. "Sollte es am Wochenende nicht gelingen, den Suezkanal wieder frei zu bekommen, wird sich die Lage deutlich verschlechtern." Wegen der Corona-Pandemie seien Lieferketten ohnehin unter Druck.

Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft fahren 98 Prozent der Containerschiffe zwischen Deutschland und China üblicherweise durch den Kanal. Das entspricht neun Prozent aller deutschen Warenimporte und -exporte.

Tanken wird durch die Blockade der wichtigen Handelsroute bisher aber nicht teurer. Laut ADAC waren Super E10 und Diesel am Donnerstag im bundesweiten Tagesdurchschnitt des Donnerstags sogar je gut einen Cent pro Liter billiger als am Dienstag. Auch das Preisniveau des Freitagmittags deutete nicht auf eine Verteuerung hin. "Der Ölpreis hatte nur bei Bekanntwerden der Havarie kurz angezogen, um dann wieder zu sinken", hieß es beim Mineralölwirtschaftsverband (MWV). Öllieferungen aus dem Nahen Osten machten mit zuletzt sechs Prozent den kleinsten Teil der Versorgung in Deutschland aus. "Mit Versorgungsknappheiten in Europa ist daher nicht zu rechnen."

Ägypten entgehen wegen der Blockade hohe und für den Staat wichtige Einnahmen. Denn für jede Durchfahrt kassiert die staatliche Suezkanal-Behörde umgerechnet rund 250.000 Euro Gebühren.

Über das Schiffsradar Vesselfinder.com kann die Position des Frachters eingesehen werden. (apa/dpa)