Nach einer fast einwöchigen Blockade des Suezkanals schwimmt das auf Grund gelaufene Containerschiff "Ever Given" wieder. Das 400 Meter lange Schiff sei Montagfrüh in schwimmenden Zustand gebracht worden und werde gesichert, teilte der Dienstleister Inchcape Shipping mit. Die Kanalbehörde bestätigte den Erfolg bei Facebook. Das Schiffsradar Vesselfinder zeigte die "Ever Given" wieder als "unterwegs" an. Der Zeitpunkt der Freigabe der Wasserstraße war aber vorerst unklar.

Der Kurs des Schiffs sei um 80 Prozent geändert worden, hieß es. Das Heck sei 100 Meter vom Ufer entfernt worden. Der Kanaldienstanbieter Leth Agencies schrieb auf Twitter, das Schiff sei "teilweise bewegt worden", der Bug liege aber immer noch auf Grund. Mit der nächsten Flut gegen 11.30 Uhr (Ortszeit) solle die "Ever Given" komplett befreit und in die Kanalmitte gebracht werden, teilte Admiral Usama Rabi, Vorsitzender der Kanalbehörde, mit.

Laut Kanalbehörde hatten zehn Schlepper aus vier Richtungen seit dem Morgengrauen zum wiederholten Mal versucht, das gewaltige Schiff zu bewegen. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte zuvor bereits angeordnet, die teilweise Entladung von Containern vorzubereiten, falls die Versuche zur Freilegung weiter erfolglos bleiben sollten. Hilfs- und Bergungsteams versuchten mit Schleppern und Baggern seit Tagen, das Schiff eines japanischen Eigentümers zu befreien, das am vergangenen Dienstag auf Grund gelaufen war.

"Das Boot schwimmt"

Wann die "Ever Given" ihre Fahrt in nördlicher Richtung auf dem Weg nach Rotterdam im Kanal fortsetzen kann, war zunächst unklar. Es sei noch "einige Arbeit zu tun", schrieb das Schiffsradar Marine Traffic auf Twitter. Laut Admiral Rabi soll das Containerschiff am Großen Bittersee am nördlichen Ende des Suezkanals untersucht werden. Zudem sollen Ermittlungen die Ursache für den Unfall klären.

Der Kanalbehörde zufolge warteten zuletzt rund 370 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals auf Durchfahrt, darunter 25 Öltanker. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg berichtete am Montag von 450 wartenden Schiffen. Mehrere Reedereien hatten bereits begonnen, ihre Schiffe über das Kap der Guten Hoffnung in Afrika zu schicken.

Kosten der Blockade: Bis zu 2 Milliarden Euro

Die Blockade dürfte die Wirtschaft zwischen 1,5 Mrd. und 2 Mrd. Euro gekostet haben, errechnete der Logistikexperte der Wirtschaftsuniversität Wien (WU-Wien), Sebastian Kummer. Damit dürfte die Weltwirtschaft deutlich weniger belastet werden als zuvor angenommen. Schätzungen der Allianz Versicherung waren jüngst noch von einem Schaden von bis zu 10 Mrd. Euro pro Woche ausgegangen.

Der größte Schaden sei in der Lieferkette entstanden, werde jedoch gemindert, wenn die Behebung der Krise nun rasch passiert, so Kummer. Er rechnet damit, dass nun alle versuchen werden, die verlorene Zeit aufzuholen. "Ich gehe davon aus, dass die Lieferketten jetzt zwar durchaus gestört sind, aber natürlich alle versuchen werden das aufzuholen. Das heißt, die Schiffe werden die letzten Seemeilen schneller fahren, man wird versuchen in den Häfen schneller umzuschlagen", so Kummer.

Nach der Erfolgsmeldung von Montagfrüh kursierten im Internet Videos von erleichterten Crewmitgliedern anderer Schiffe im Kanal. "Das Boot schwimmt", sagt etwa in einem davon ein Mann an Bord eines Schiffs und streckt seinen Daumen nach oben. Auf einem der Videos ist immer wieder der Ausspruch "Alhamdulillah" (Gott sei Dank) zu hören.

Die Blockade des Kanals hatte zunächst auch die Ölpreise steigen lassen. Mit der Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs gab der Preis für Rohöl der Sorte Brent am Montag wieder um zwei Prozent auf 63,67 Dollar nach. Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer und bietet damit den kürzesten Schifffahrtsweg zwischen Asien und Europa.

Im Jahr 2020 durchfuhren nach Angaben der Suezkanal-Behörde fast 19.000 Schiffe die Wasserstraße. Durch die Blockade gingen dem Kanal bisher täglich Einnahmen von rund 13 bis 14 Millionen Dollar verloren. (apa, dpa, reuters)