Eine Krise kann manchmal auch mehr Zusammenhalt bewirken. Die führenden Wirtschaftsnationen (G20) dürften sich noch diesen Sommer auf eine weltweite Steuerreform verständigen. "Ich bin so zuversichtlich wie schon lange nicht mehr", sagte etwa der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) am Mittwoch nach Beratungen der Finanzminister der G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer.

Im Sommer solle der Durchbruch gelingen. Auch Italiens Finanzminister Daniele Franco, unter dessen Vorsitz die G20 tagten, bekräftigte, eine Einigung bis Juli werde angepeilt. "Wir sehen eine Beschleunigung der Prozesse", sagte Franco in Rom.

Bei der internationalen Steuerreform geht es um zwei Säulen: eine globale Mindeststeuer für international tätige Konzerne und eine Digitalsteuer, durch die Internet-Riesen wie Amazon, Google oder Apple nicht nur am Firmensitz, sondern auch dort Steuern zahlen, wo sie ihre Umsätze erzielen. Dies würde zu einer neuen Verteilung der Besteuerungsrechte auf digitale Dienstleistungen zwischen den Ländern, vor allem zwischen Industrie- und Schwellenländern führen. Es wäre die größte Steuerreform seit Jahrzehnten. Mit ihr sollen die Regeln an das Digitalzeitalter angepasst werden.
Nach Schätzungen der OECD würde die Reform den beteiligten Staaten riesige Beträge zusätzlich in die Kassen spülen. Pro Jahr dürften die Einnahmen aus der Körperschaftssteuer weltweit um 50 bis 80 Milliarden Dollar (42 bis 68 Milliarden Euro) ansteigen. Zusammen mit bereits geltenden US-Regeln könnten es sogar 60 bis 100 Milliarden Dollar pro Jahr sein. Das wären bis zu 4 Prozent der jetzigen Einnahmen aus der Besteuerung von Unternehmen. Der Großteil der Zusatzeinnahmen käme aus der Säule Mindeststeuer. Fast alle Länder dürften laut OECD davon profitieren. Verlierer wären allein Steueroasen. So sollen Gewinnverlagerungen in solche Länder erschwert werden. Allerdings wird in dem OECD-Grundgerüst noch keine konkrete Höhe für die Mindeststeuer genannt.
Die genaue Höhe des globalen Steuersatzes ist noch unklar, unter 10 Prozent wird dieser aber wohl nicht liegen. Unklar ist auch noch, wie genau digitale Dienstleistungen definiert werden. Abhängig davon könnten auch Hersteller von Konsumgütern berücksichtigt werden, die ihre Produkte über das Internet vertreiben. Auch die Lösung von Streitfällen über Schiedsgerichte ist noch nicht geklärt. Die USA standen bei den Verhandlungen zuletzt eher auf der Bremse. Dort haben die meisten Internet-Riesen ihren Sitz. Die USA wollten entsprechend möglichst viele Unternehmen aus anderen Branchen miteinbeziehen in die Lösung. Sollte es am Ende keine Einigung geben, werden laut OECD zahlreiche Länder mit eigenen Digitalsteuern vorpreschen. Das würde unkoordiniert geschehen und zu Handelskonflikten führen.
Nach 30 Jahren mit immer niedrigeren Steuersätzen für Unternehmen könnte durch eine globale Mindeststeuer eine Trendwende gelingen. Bisher waren Experten von einer Mindeststeuer von etwa 10 bis 15 Prozent ausgegangen. Die US-Regierung denkt nun aber sogar über 21 Prozent nach. In Deutschland liegt die Belastung für viele Firmen bei mindestens 30 Prozent. Das Land ist im internationalen Vergleich damit ein Hochsteuerland. Ein einheitlicher Steuersatz würde verhindern, dass Unternehmen aus rein steuerlichen Gründen den Firmensitz oder gar die Produktion in ein anderes Land mit niedrigere Steuern verlagern. Auch innerhalb der EU selbst würde der Druck damit steigen, die stark unterschiedlichen Sätze zu vereinheitlichen.
Unter dem Dach der Industriestaaten-Organisation OECD streben knapp 140 Länder eine Steuerreform an. Während der frühere US-Präsident Donald Trump vor allem die Digitalsteuer abgelehnt hatte, zeigt sich die neue Regierung von Joe Biden offener und setzt auf eine Kompromisslösung im Rahmen der Verhandlungen der OECD. US-Finanzministerin Janet Yellen hatte zuletzt für eine weltweite Mindestbesteuerung für Konzerne geworben und den internationalen Steuerwettbewerb kritisiert. Deutschland drängt auf eine rasche Einigung. Das Land ist im internationalen Vergleich ein Hochsteuerland. Ein einheitlicher Steuersatz verschafft Ländern mit einem relativ hohen Steuersatz einen Vorteil, da Firmen keinen steuerlichen Vorteil hätten woanders ihren Firmensitz oder die Produktion hinzuverlagern.
Der Chef des US-Onlinekonzerns Amazon, Jeff Bezos, griff in die Debatte um die Firmen-Besteuerung ein. Er sprach sich im firmeneigenen Blog für höhere Abgaben zur Stärkung der US-Infrastruktur aus. "Wir unterstützen eine Anhebung des Unternehmenssteuersatzes", erklärte Bezos am Dienstag (Ortszeit). Seine Aussage erfolgte vor dem Hintergrund eines Infrastruktur-Investitionsprogramms, das US-Präsident Joe Biden plant. Es soll zum Teil durch stärkere Unternehmensbesteuerung finanziert werden.