Jede Dosis zählt. Jeder Stich in den Oberarm rettet Leben. Jede Palette mit Covid-19-Impfstoffen bringt uns der Normalität ein Stück näher. Nach einem schleppenden Beginn nimmt die Impfkampagne in Österreich langsam Fahrt auf. Rund ein Fünftel der Bevölkerung, 1,5 Millionen Österreicher, haben bis dato eine Teilimpfung bekommen. 633.000 Menschen sind bereits vollimmunisiert (Stand: 14.04.)

Doch der Impffortschritt wird immer wieder gebremst. Hersteller kürzen zugesagte Liefermengen (AstraZeneca) oder verschieben, wie jüngst Johnson & Johnson, wegen möglicher Nebenwirkungen die Auslieferung nach Europa. In der Folge müssen Impfpläne umgeschmissen werden, die Impfungen verzögern sich.

Die Beschaffung der Vakzine läuft über mehrere Ebenen. Die Europäische Union schließt mit den Herstellern Lieferverträge. Die EU-Mitgliedsstaaten kaufen dann direkt bei den Produzenten. Die Menge, die jedes einzelne Mitgliedsland bekommt, richtet sich nach der Bevölkerungsgröße. Die EU hat sich bisher 2,6 Milliarden Dosen bei sechs Herstellern gesichert. Mit Valneva und Novavax gibt es abgeschlossene Sondierungsgespräche, aber noch keine fertigen Verträge.

EU rüstet sich für Zukunft

Das ist aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch bekanntgab, will die EU mit BioNTech/Pfizer über die Lieferung von weiteren 1,8 Milliarden Impfdosen für die Zeit von 2021 bis 2023 verhandeln. Diese sollen für Auffrischungen sowie für Impfungen von Kindern verwendet werden. Von der Leyen will nicht nur die Herstellung der Impfstoffe, sondern auch die Produktion aller wesentlichen Bestandteile in der EU ansiedeln.

Doch nicht immer halten die Hersteller ihre Lieferzusagen auch ein. Im ersten Quartal hätte die Union 90 Millionen Dosen von AstraZeneca bekommen sollen. Dann hieß es, das Unternehmen liefere nur 40 Millionen. Letztendlich wurde nur ein Drittel, 30 Millionen Dosen, geliefert. BioNTech/Pfizer und Moderna hielten ihre Lieferzusagen hingegen ein.

Im zweiten Quartal plant AstraZeneca, nur rund 70 Millionen Dosen zu liefern - statt der vertraglich zugesagten 180 Millionen Dosen. Von der Leyen zeigte sich darüber verärgert und drohte dem britisch-schwedischen Pharmakonzern: "Die Botschaft an das Unternehmen ist klar: Zuerst halten Sie Ihren Vertrag ein, bevor Sie exportieren", sagte sie Mitte März. BioNTech/Pfizer hingegen wollen bis Ende Juni 50 Millionen zusätzlicher Dosen an die EU liefern. Die Dosen werden vom vierten in das zweite Quartal vorgezogen.

Für Österreich bedeutet das eine Million zusätzlicher Dosen im zweiten Quartal. "Wir können schneller impfen", sagt Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). Die Impfausrollung werde adaptiert. Mit Stand 14. April wurden 2,34 Millionen Impfdosen nach Österreich geliefert. Die Behörden können aber nicht jede Woche mit den gleichen Mengen rechnen. "Es kann Übererfüllungen ebenso geben wie weniger Lieferungen, als angenommen werden", heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Zeitlich kommt es also zu Verzögerungen, aber insgesamt müssen die Hersteller ihren Lieferverpflichtungen nachkommen.

Wöchentliche Schwankungen

Wie viele Dosen pro Woche nach Österreich kommen, hängt vom Hersteller ab. BioNTech/Pfizer und Moderna liefern verlässlich, heißt es. Bei AstraZeneca sei dies nicht immer der Fall, sagt Generalmajor Andreas Pernsteiner von der Gruppe Logistik beim Bundesheer. "Bei AstraZeneca gab es seit Beginn der Lieferungen im Februar eine Vielzahl von bereits mehr als fünf Änderungen in den Liefermengen", sagt er. Das Schema sei laut Pernsteiner immer dasselbe. AstraZeneca gibt eine unverbindliche Vorschau ohne konkrete Lieferzusage einige Wochen vor dem Liefertermin ab. In der Woche vor der Lieferung gebe es dann kurzfristige Mengenänderungen. "Das macht das Planen schwierig", sagt Pernsteiner. Doch warum gibt es immer wieder Lieferschwierigkeiten bei den Covid-19-Impfstoffen?


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Die Ursachen sind vielfältig. Zunächst stehen alle Länder vor dem gleichen Problem, dass es (noch) zu wenig Impfstoffe für alle gibt. Die Nachfrage übersteigt das Angebot derzeit bei Weitem. Laut dem in London ansässigen Analyseunternehmen Airfinity, das Daten über die Pharmabranche analysiert, wurden bis Anfang März weltweit rund 413 Millionen Impfdosen produziert. Für heuer rechnet Airfinity mit rund 9,5 Milliarden produzierten Dosen. Zum Vergleich: Vor der Pandemie wurden weltweit rund fünf Milliarden Dosen von allen anderen Impfstoffen zusammen hergestellt.

"Schwankungen in der Versorgung mit Dosen, so frustrierend sie auch sein mögen, sind ein Merkmal der Herstellung komplexer biologischer Produkte", teilt AstraZeneca auf Anfrage mit. Der britisch-schwedische Pharmakonzern hat laut eigenen Aussagen ein Netz von 20 Supply-Partnern in mehr als 15 Ländern. Das Unternehmen betont das Tempo, in dem Vakzine produziert werden. Die Herstellung dauere etwa "nur drei bis vier Monate", so AstraZeneca.

Hoher Bedarf bei enormen Zeitdruck: Das Hochskalieren der Produktionsmengen stellt die Pharmakonzerne vor Herausforderungen. "Impfstoffe sind komplex herzustellen. Für Pharmafirmen ist das viel aufwendiger als normale Medikamente", sagt Alexander Herzog, Generalsekretär vom Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig). "Die Produktion läuft in Echtzeit, da gibt es keinen Puffer, keine Lagerkapazitäten", sagt Herzog. Alles, was fertig ist, gehe sofort in den pharmazeutischen Großhandel.

Hunderte Einzelkomponenten

Auch bei AstraZeneca. "Wir müssen ohne Vorratshaltung operieren, der uns den Spielraum geben würde, kleine unvorhergesehene Ereignisse zu kompensieren", heißt es vom Unternehmen. Unvorhergesehen waren etwa auch geringere Erträge an einigen der neueren AstraZeneca-Standorte. "Wir sind aber weiter bemüht und zuversichtlich, dass wir durch laufende Perfektionierung des Herstellungsprozesses die Volumina kontinuierlich steigern werden", so der Impfstoff-Hersteller.

Impfstoffe bestehen aus hunderten Einzelkomponenten wie etwa Glasfläschchen, Filter oder Einwegbeutel. AstraZeneca versichert, dass die Versorgung mit Fläschchen und Verschlüssen sichergestellt sei. Der Impfstoff von BioNtech/Pfizer besteht aus 280 Inhaltsstoffe aus 16 verschiedenen Ländern von 69 unterschiedlichen Herstellern. "Wir garantieren 99 Prozent Liefersicherheit", sagt Reneé Gallo-Daniel, Unternehmenssprecherin von Pfizer Österreich.

Bei der Produktion steht Sicherheit an erster Stelle. "70 Prozent der gesamten Produktion sind Qualitätschecks und Chargenprüfungen", sagt Herzog. Gibt es ein Sicherheitsproblem, kann schon mal eine ganze Charge verworfen werden. Um den gigantischen Bedarf zu bedienen, gehen die Hersteller Kooperationen ein. Konkurrenten stellen Fabriken und Personal zur Verfügung. Die Versorgung mit Impfstoffen werde von Woche zu Woche besser, versichert Herzog. Die nächsten Impfstoffe stehen bereits in den Startlöchern.