Kyriaki Vassilakis, 56, steht vor ihrer nicht nur bei Einheimischen hochgelobten Taverne "Megas Napoleon" ("Napoleon der Große") in bester Lage an der Küstenpromenade der südostkretischen Stadt Ierapetra, dem südlichsten Ort in Griechenland. Sie holt tief Luft. "Endlich!", freut sie sich. Es klingt ganz nach Befreiung. Ganz so, als könnte Kyriaki Vassilakis es gar nicht erwarten, ihren Gästen wieder kulinarische Köstlichkeiten der berühmten kretischen Küche zu servieren.

"Das war gefühlt ein langer, ein dunkler Winter. Und dies, obwohl hier in Ierapetra fast immer die Sonne scheint und es auch nie richtig kalt ist. Ich bin einfach froh, dass wir wieder Gäste empfangen dürfen." Vassilakis sprüht vor Zuversicht. "Ich bin mir sicher, dass darunter auch wieder viele Touristen sind." Sie lächelt, als sie das sagt. Am heutigen Samstag ist es soweit: Da öffnet sich Griechenland wieder vollständig für den Tourismus. Sechs Monate nach ihrer Schließung wegen der Corona-Pandemie sind schon am 3. Mai die Restaurants, Tavernen, Bars und Cafés in der beliebten Urlaubsdestination Hellas wieder geöffnet worden. Wie eben die schon 1969 eröffnete, bald in dritter Generation geführte Taverne "Megas Napoleon" in Ierapetra.

Das Corona-Jahr 2020 war für die griechische Tourismuswirtschaft eine Katastrophe. Diesmal sollte das Geschäft besser laufen, hofft man in der Branche. - © Ferry Batzoglou
Das Corona-Jahr 2020 war für die griechische Tourismuswirtschaft eine Katastrophe. Diesmal sollte das Geschäft besser laufen, hofft man in der Branche. - © Ferry Batzoglou

Allerdings mit Auflagen: So muss das Personal zwei Mal pro Woche einen negativen Corona-Schnelltest vorweisen und immer eine Maske tragen. Stehende Gäste und Musik sind im Mai aber nicht erlaubt, an einem Tisch dürfen maximal sechs Personen sitzen, zudem müssen die Stühle zwischen zwei Tischen einen Mindestabstand von 1,80 Metern haben.

Kleine Ferienorte im Trend

Die nächtliche Ausgangssperre gilt seit Freitag erst ab 0.30 Uhr. Damit ist es den Restaurants, die bisher um 22.45 Uhr schließen mussten, erlaubt, wieder länger offen zu haben - aber nur draußen. Ferner sind die Museen und archäologischen Stätten fortan wieder geöffnet.

Der malerische Ferienort Myrto mit seinen schmucken, kleinen Häusern, den schönen Gassen und seinem langgezogenen, breiten, feinsandigen Strand, 14 Kilometer westlich von Ierapetra gelegen, wo sich vor der Corona-Pandemie im Sommer noch die Touristen, darunter viele Familien mit Kindern, tummelten und die Gästezimmer stets früh gebucht werden mussten, ist noch fast menschenleer.

Die Bewohner sind unter sich, aber sie sind in guter Stimmung. Denn sie wissen: Das wird nicht so bleiben. Das hübsche Myrto, das sich seine urige Fischerdorfatmosphäre bewahrt hat, liegt bei bewussten Urlaubern genau im Trend, gerade in diesen besonders für die Reisebranche so schwierigen Corona-Zeiten. Ob Griechen oder Stammgäste aus dem Rest Europas und anderswo: In der Idylle Myrto sind für den Juli und August kaum noch Unterkünfte zu finden. "Wir bieten unseren Gästen genau das, was sie im Urlaub wollen: Ruhe, Erholung, Kontakt mit den Bewohnern, traditionelle Lokale. So wie Griechenland mit seinem Flair vor 30, 40 Jahren noch war", sagt Maria, eine Pensionsbesitzerin in Myrto.

Strukturprobleme

Doch auch in Kreta, dem bekannten Urlaubsparadies, ist das nicht überall so. In Chersonissos, an der Nordküste, wurde schon Mitte der 1970er Jahre das erste große Hotel gebaut. Immer mehr Hotelburgen folgten. Unterdessen ist der Moloch mit unzähligen Fast-Food-Ketten, Bars und Nachtklubs übersät. Das Modell hier: Massentourismus pur, am besten all inclusive. Billig, exzessiv, austauschbar. Hier sind die Sünden einer nicht nachhaltigen Tourismusentwicklung auf Schritt und Tritt zu sehen. Die Tourismusblase in Chersonissos platzte schon lange vor der Pandemie. Das Coronavirus, dieser unsichtbare, heimtückische Killer, gab Chersonissos den Rest.

Hellas - ein Risikogebiet?

Nikos Perrakis, ein netter Mittfünfziger, hält einen Schlauch und gießt die Blumen auf dem Gelände seiner Mietwagenfirma Zygos. Seit 1985 ist er im Geschäft, zwei Büros hat er in Chersonissos, seine Flotte ist 80 Mietwagen stark. Perrakis sieht auch für diesen Sommer schwarz, pechschwarz. "Gerade habe ich eine Stornierung erhalten. Vier Personen, alles Belgier, ein Auto, für 14 Tage. Wissen Sie, was mir gesagt haben? Sie haben mir gesagt, sie hätten ihre Reise gecancelt, weil Griechenland wegen der hohen Corona-Zahlen ein Risikogebiet sei", erzählt er. "Sie stellten mir bohrende Fragen. ‚Was passiert denn, wenn ich in Griechenland krank werde? Hat Griechenland genügend Intensivbetten?‘ Das haben sie mich gefragt." Nur wenn Griechenland wieder "grün" in Sachen Corona-Zahlen werde, würden sie sich überlegen, ob sie später doch noch kommen, fügt Perrakis hinzu.

So denken offenbar viele potenzielle Griechenlandurlauber. Die Corona-Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt in Griechenland aktuell mit Stand vom 13. Mai bei 168,2 - Tendenz seit dem 6. Mai wieder stark steigend. Perrakis, der Autovermieter, ist sich sicher: "Den Mai und Juni können wir getrost vergessen. Kaum bis keine Neubuchungen, dafür Stornierungen. Schauen wir einmal, was ab Anfang Juli läuft, um die Saison irgendwie noch zu retten." Perrakis bangt. "Ein zweites schlechtes Jahr können wir nicht aushalten", stöhnt er und dreht das Wasser ab. Die Blumen sind gegossen.

2020 - katastrophales Jahr

"Eines ist klar: Noch eine verlorene Reisesaison in diesem Jahr bricht uns das Genick. Das würde uns in den Ruin treiben", pflichtet ihm auch der Präsident des Griechischen Hotelverbandes (POX), Grigoris Tasios, bei. Er weiß, wovon er spricht. Ob Kreta, die Kykladen, Kos, Korfu, Rhodos oder der Peloponnes: Griechenland hat 2020 touristisch ein katastrophales Jahr erlebt. Laut einer Studie der Athener Notenbank (TTE) brachen die Direkterlöse im griechischen Tourismus 2020 um knapp 77 Prozent auf 4,31 Milliarden Euro ein. Die Zahl der nach Griechenland einreisenden Urlauber ging im Gesamtjahr 2020 um gut 78 Prozent auf 7,406 Millionen Urlauber zurück.

Kein Land in Europa ist dabei so abhängig vom Tourismus wie Griechenland. Laut TTE besuchten noch 2019 genau 31,348 Millionen ausländische Urlauber Griechenland (ohne Kreuzfahrttouristen) - ein Allzeitrekord. Die meisten Griechenlandurlauber kamen 2019 mit 4,026 Millionen Touristen aus Deutschland, gefolgt von den Briten (3,499 Millionen), Italienern (1,553 Millionen), Franzosen (1,542 Millionen), Rumänen (1,378 Millionen) und US-Amerikanern (1,179 Millionen). Ferner reisten rund 583.000 Österreicher 2019 nach Griechenland. Doch dann kam Corona.

2010 hatte Griechenland erst 15 Millionen Auslandsurlauber gezählt. Bis 2019 hatte sich deren Zahl mehr als verdoppelt. Die Tourismusbranche avancierte so zum Wachstumsmotor in dem seit dem Fast-Staatsbankrott im Frühjahr 2010 chronisch krisengeschüttelten EU-Land. Nun hofft man in Hellas, dass die Reisebranche nach der Corona-Pandemie zügig wieder zu alter Stärke zurückkehrt.

Die griechische Regierung unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis hofft darauf, dass heuer wieder 15 Millionen Urlauber aus dem Ausland nach Hellas reisen. Das wäre etwa die Hälfte der Urlauber des Rekordjahres 2019.

Keine Quarantäne mehr

Ob dieses Ziel tatsächlich erreicht werden kann, ist aber fraglich. Denn für die Einreise ist weiter ein negativer Labortest vorzulegen, der nicht älter als 72 Stunden sein darf, oder man muss vollständig gegen Corona geimpft oder genesen sein. Premier Mitsotakis war einer der Ersten, der einen einheitlichen EU-Impfpass forderte. Immerhin besteht für die meisten Herkunftsländer keine Quarantäne-Pflicht in Griechenland mehr.

Die Athener Altstadt Plaka mit einer Vielzahl antiker Stätten füllt sich in diesen Tagen nur langsam wieder. Sogar das Gros der Athener meidet noch die Innenstadt der Vier-Millionen-Metropole. Von Touristen fehlt noch jede Spur.

Kostas, 27, der in der Plaka im Dezember 2019 einen großen Souvenirladen mit dem so einprägsamen wie treffenden Namen "Athena, Greek Souvenir" eröffnet hat, will die Hoffnung aber nicht aufgeben - den Turbulenzen der vergangenen Monate zum Trotz. "Ich habe das Geschäft zwei Monate vor Ausbruch der Pandemie gestartet. Ich konnte natürlich nicht ahnen, dass so etwas kommen würde. Wer konnte das schon?", seufzt er. "Aber ich werfe nicht das Handtuch. Sehen Sie, hier steht die Akropolis! Wer will sie nicht einmal in seinem Leben gesehen haben?" Hellas nach der Öffnung des Tourismus im zweiten Corona-Jahr: ein Land zwischen Hoffen und Bangen.