Der Beat ist zurück: Mit einem ungewöhnlich früh angesetzten Konzert läutete der Tiroler Hang-Spezialist Manu Delago am Mittwoch den Kultur-Neustart ein. Im Wiener Stadtsaal legte er um 11 Uhr Vormittag einen umjubelten Auftritt hin, in dem er zwischen meditativen Flächen und tanzbaren Rhythmen changierte. Und passend zu seiner "Recycling Tour" hatte Delago auch ein hehres Anliegen mit im Gepäck.

"Es ist heute ein sehr besonderer Anlass für uns - hoffentlich auch für euch", sagte Delago in Richtung des Publikums, das sich im Stadtsaal mit entsprechenden Abständen verteilt hatte. Zuvor war am Eingang natürlich die 3G-Regel tonangebend gewesen: Wer geimpft, getestet oder genesen war, kam in den musikalischen Genuss. Aber diese Hürde (ebenso wie die frühe Tageszeit) nahm man sicherlich gerne in Kauf, wurde man doch in den folgenden knapp eineinhalb Stunden reich belohnt.

Der Beat ist also zurück, wenn auch nur untertags. Clubs, Bars und Konzerthallen müssen in der Nacht nach wie vor geschlossen bleiben. Gastronomiebetriebe dürfen nur maximal im Zeitraum zwischen 5 und 22 Uhr öffnen. Vor der Corona-Krise besuchten in Wien pro Woche rund 40.000 Menschen die 100 Clubs der Stadt. Für sie war klar, wer vor Mitternacht auftaucht, steht alleine auf der Tanzfläche. Es galt: Je später die Party, desto besser ist sie. Eine Faustregel, die Corona pulverisierte.

Bei frischer Luft und Sonnenschein

Die ersten Clubs haben wieder geöffnet. Statt schummrigem Licht finden die Veranstaltungen nun an der frischen Luft bei Sonnenschein statt. Das Fluc bietet Sitzkonzerte an, im Werk wird der Außenbereich zur Kulturterrasse, auch das Celeste und die Pratersauna verlagern das Geschehen in den Garten. "Viele DJ-Sets und Konzerte werden draußen stattfinden", sagt Martina Brunner von der Vienna Clubcommission. "Die Auflagen sind nicht ideal. Die Clubs versuchen es, so gut es geht."

Ausgelassene Feiern werde es nicht geben, stattdessen ein bisschen durch den Tag tanzen. Ist doch auch egal, wie spät es ist.

Doch nicht nur dogmatische Zeiten für vermeintlich gute Partys sind passé, auch die Orte des Geschehens haben sich verändert. "Seit der Corona-Krise findet Clubkultur vermehrt an öffentlichen Plätzen statt," sagt Brunner. "Für die Clubs ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten." Es sind Möglichkeiten, die zu einem Kulturwandel der Feiernden führen. Der geschlossene Raum mitten in der Nacht ist nicht mehr das Maß aller Dinge. Brunner verweist auf Städte wie Amsterdam und Berlin. Da war es bereits vor Corona nicht ungewöhnlich am Sonntag um 12 Uhr Mittag in den Club zu gehen, ein Konzert zu besuchen oder unter freiem Himmel zu tanzen.

Die Förderungen greifen

Die Stadt Wien kam den Clubs in den vergangenen Monaten ebenso näher. "Clubkultur hat einen Stellenwert in der Stadt bekommen. Eine Clubkulturförderung gab es vor Corona nicht", sagt Brunner. Und die Förderungen greifen. "Wir wissen von keinem Club, der insolvenzgefährdet wäre, zumindest nicht in Bezug auf Corona", sagt Brunner.

Auch in Europas Clubhauptstadt Berlin öffnen die Clubs wieder. Die Veranstaltungen werden wie in Wien vor allem unter freiem Himmel stattfinden.

Laut einer aktuellen Erhebung der Berliner Clubcommission sieht sich die Szene gut gerüstet für den Sommer. 90 Prozent der befragten Clubbetreiber schätzten ihre Kenntnisse der Hygienekonzepte als gut oder sehr gut ein. Die Mehrheit sei auch bereit, Testergebnisse oder Impfpässe bei Veranstaltungen zu kontrollieren.

Die Pandemie habe die Berliner Clubkultur nachhaltig beeinträchtigt. Die Hilfsprogramme des deutschen Bundes hätten das Schlimmste verhindern können. "Dass allerdings fast 16 Prozent mit dem Gedanken spielen, ihr Unternehmen aufzugeben, ist besorgniserregend", heißt es in der Mitteilung zum Club-Monitoring. Jeder geschlossene Club sei einer zu viel.

Für Wien zeigt sich Brunner optimistisch: "Hedonismus und ausgelassene Feiern werden nach Corona wieder stattfinden", sagt sie. Das Angebot wird größer sein und gut genutzt werden. Es wird die Zeit sein, wenn die Pandemie überwunden ist und Menschen nicht mehr nachdenken müssen, wenn sie einander näher kommen. (vasa)