Erste Lockerungen vom Corona-Lockdown haben der Wirtschaft der Eurozone im Mai zum kräftigsten Wachstum seit mehr als drei Jahren verholfen. Der Einkaufsmanagerindex - der Industrie und Dienstleister zusammenfasst - stieg unerwartet deutlich um 3,1 auf 56,9 Punkte. Das sei der höchste Wert seit Februar 2018, teilte das Institut IHS Markit am Freitag zu seiner monatlichen Umfrage unter tausenden Unternehmen mit.

Ökonomen hatten nur mit einem Anstieg auf 55,1 gerechnet. Das Barometer signalisiert ab 50 ein Wachstum. "Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen stieg in der Eurozone so stark wie seit 15 Jahren nicht mehr, da sich die Währungsunion von den virusbedingten Einschränkungen erholt", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Das habe den Dienstleistern einen deutlichen Aufschwung beschert, der von einer abermals rekordnahen Expansion der Industrie begleitet werde.

Das lässt darauf hoffen, dass die Währungsunion im Frühjahr ihre Corona-Rezession beendet und wieder wächst. Zuletzt war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwei Quartale in Folge geschrumpft, wobei es von Jänner bis März ein Minus von 0,6 Prozent gegeben hatte. Mit angeführt wird die Erholung von Deutschland. In der größten Volkswirtschaft der Eurozone kletterte das Barometer um 0,4 auf 56,2 Punkte.

Konjunkturerholung tritt in neue Phase

"Die Konjunkturerholung tritt in eine neue Phase, da auch die Dienstleistungsbranche vor dem Hintergrund auslaufender Lockdowns an Schwung gewinnt", sagte der Chefvolkswirt von Union Investment, Jörg Zeuner. "Hotels, Restaurants, Konzertveranstalter oder Fluggesellschaften werden nun zunehmend zum Treiber der Erholung, weil sie unmittelbar von Lockerungsschritten profitieren. Der Wirtschaftsmotor läuft wieder auf mehr Zylindern und damit gleichmäßiger."

Die aktuelle Erholung der Eurozone wie auch der Weltwirtschaft hat allerdings ihren Preis. "Die starke Nachfrage nach Vorleistungen hat deren Preise deutlich nach oben getrieben", sagte Commerzbank-Experte Christoph Weil. Demnach mussten fast 90 Prozent der Unternehmen im Mai mehr für ihre Vorleistungen zahlen. "Gleichzeitig geben immer mehr Unternehmen die gestiegenen Produktionskosten an ihre Kunden weiter", sagte Weil. Dies dürfte den Preisauftrieb im Euroraum mittelfristig leicht verstärken.

Das Wachstum in der Eurozone wäre wohl noch stärker ausgefallen, wenn es nicht zu einer Rekordverlängerung der Lieferzeiten gekommen wäre. Der Produktionsrückstand im Verhältnis zur Nachfrage ist momentan so hoch wie noch nie in der 23-jährigen Umfragegeschichte. "Dieses Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage hat den Preisdruck weiter verstärkt", sagte Chefökonom Williamson. "Wie lange dieser Inflationsdruck anhält, hängt davon ab, wie schnell das Angebot wieder mit der Nachfrage in Einklang gebracht wird." Im Moment verschlechtere sich das Ungleichgewicht allerdings. Das treibe nicht nur die Einkaufspreise für Waren auf neue Höchststände, sondern führe auch zu steigenden Preisen für Dienstleistungen. (reuters)