Seit rund einem Jahr klettern die Preise bei Rohstoffen nach oben. Egal ob Kupfer, Eisenerz, Silber, Nickel und Platin, aber auch Kohle, Öl, Sojabohnen oder Mais (die Liste ließe sich beliebig verlängern) - fast überall sind kräftige Verteuerungen zu verzeichnen. Dieser Trend ist nach wie vor intakt.

Allein heuer ist etwa der Preis für Kupfer bereits um circa 30 Prozent gestiegen, auf Sicht eines Jahres hat er sich beinahe verdoppelt. Anfang Mai war eine Tonne dieses industriell vielseitig verwendeten Metalls an der Rohstoffbörse in London mit 10.232 US-Dollar so teuer wie noch nie. Das hat den bisherigen Rekordpreis aus dem Jahr 2011 weit in den Schatten gestellt.


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Begründen lässt sich der aktuelle Preisboom bei Rohstoffen vor allem mit dem Zusammenspiel von Nachfrage und Angebot. Was die Nachfrage an den Märkten derzeit pusht, ist die Aussicht auf eine spürbare konjunkturelle Erholung von der Viruskrise. Rund um den Erdball lässt das Fortschreiten der Corona-Impfungen auf immer weniger Beschränkungen und anziehende Wirtschaftsaktivitäten hoffen.

Das sorgt für eine stark steigende Nachfrage nach Rohstoffen. Da das Angebot dabei nicht immer mithalten kann, geht es mit den Preisen tendenziell nach oben. In diesem Zusammenhang spielen aber auch coronabedingte Probleme in den internationalen Lieferketten, die zu Knappheit und Lieferverzögerungen führen, eine nicht unwesentliche Rolle. Unfälle wie die jüngste Blockade des überaus wichtigen Suez-Kanals durch ein riesiges Frachtschiff spitzen diese Situation noch zusätzlich zu.

Bedarf nicht mehr nur auf China konzentriert

In der Vergangenheit war oft von Chinas unstillbarem Rohstoffhunger die Rede. "In den letzten zehn Jahren hat China die Preisentwicklung bei Rohstoffen dominiert", sagt die Chefanalystin der Unicredit Bank Austria, Monika Rosen-Philipp, vor diesem Hintergrund. "Mit dem absehbaren Ende der Pandemie und dem gleichzeitigen Hochfahren der Konjunktur in den westlichen Industrieländern hat sich das nun aber geändert."

Wie Rosen-Philipp geht auch der Chef des Vermögens- und Fondsmanagements der Steiermärkischen Sparkasse, Karl Freidl, davon aus, dass die Notierungen für Rohstoffe mit der für die nächsten Monate zu erwartenden Erholung der Weltwirtschaft weiter kräftig anziehen werden - und damit wohl auch die Inflation. "Der bisherige Anstieg der Ölpreise etwa war erst ein Vorgeschmack, was kommen kann, wenn wieder alle Flugzeuge in der Luft sind, wieder alle Reisewilligen in ihren Autos sitzen und die Industrie einen Energiebedarf haben wird wie selten zuvor", meint Freidl.

"Rohstoffe waren viele Jahre eigentlich kein Thema, erst jetzt sind sie wieder eines geworden", sagt Rosen-Philipp. Die Wiener Analystin, die seit Kurzem Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG) ist, verweist dabei auch auf den durch die Corona-Pandemie noch beschleunigten Transformationsprozess der Wirtschaft in Sachen Digitalisierung sowie Umwelt- und Klimaschutz, der neue Technologien und damit auch mehr Rohstoffe als bisher erfordert. "Allein auf die E-Mobilität entfällt ein Vielfaches an Rohstoffen, die benötigt werden", erklärt Freidl. Für die Produktion von Batterien für Elektro-Autos bedarf es zum Beispiel Seltener Erden, Kobalt, Nickel und Zink. "Durch die Technologisierungsschübe braucht die ganze Welt mehr Rohstoffe", so Freidls Fazit.

Steht ein neuer Superzyklus der "Commodities" bevor?

Die Gretchenfrage ist nun, wie lange der Preisboom anhalten wird. "Ob er nachhaltig sein wird, daran scheiden sich die Geister", sagt Rosen-Philipp. "Wir halten den aktuellen Preisschub bei Rohstoffen jedenfalls nur für vorübergehend. Mit der Normalisierung des Wirtschaftslebens sollte sich das wieder entspannen." Wann das sein könnte, will die Analystin nicht sagen. Sie erwähnt aber die Weltbank, die etwa bei den für die globale Wirtschaft sehr wichtigen Metallpreisen davon ausgeht, dass diese heuer um circa 30 Prozent steigen werden, ehe sie im kommenden Jahr wieder fallen sollten.

Auch Freidl hält die Preisrally bei Rohstoffen für vorübergehend. Den Höhepunkt sieht der Grazer Asset-Manager allerdings erst Ende 2022 oder Mitte 2023, also in eineinhalb bis zwei Jahren. "Das immer noch bescheidene Niveau der Rohstoffpreise (trotz der jüngsten Anstiege, Anm.), die Aussichten eines global sehr synchronen Wachstums und vor allem die Prognose deutlich steigender Inflationsraten sprechen für einen weiteren positiven Trend bei den Rohstoffnotierungen", betont Freidl.

Dabei will er einen neuen Superzyklus der sogenannten Commodities nicht ganz ausschließen. Der letzte Superzyklus mit steigenden Preisen hielt von 1999 bis 2008 an. Rohstoff-Investments brachten in diesem Zeitraum laut Freidl einen gigantischen Kursanstieg von 483 Prozent oder rund 20 Prozent pro Jahr. Mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 folgte jedoch der große Crash, und die Preise fielen ins Bodenlose. Zum Zeitpunkt der größten Verunsicherung im Zuge der Corona-Krise fand diese Entwicklung ihr vorläufiges Ende - und seither zeigen die Preise eine Aufwärtstendenz.