Trotz einer wirtschaftlichen Erholung und steigender Inflation dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) an diesem Donnerstag (10. Juni) ihre Geldpolitik bestätigen. Die Wertpapierkäufe des Corona-Krisenprogramms PEPP sollten laut einer Mehrheit von befragten Volkswirten vorerst mit unverändertem Tempo fortgesetzt werden. Analysten dürften auch die Projektionen der Notenbank beachten - und wie stark die EZB ihre Inflationsprognosen anheben wird.

In der Eurozone haben sich die Aussichten auf eine Erholung der Wirtschaft mit den Impffortschritten und zunehmenden Öffnungsschritten zuletzt verbessert. Auch die Inflation hat angezogen. Die Verbraucherpreise legten im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,0 Prozent zu. Die Notenbank strebt auf mittlere Sicht lediglich eine Rate von knapp zwei Prozent an.

Einen nachhaltigen Aufwärtstrend bei der Inflation sieht die EZB nicht. So verwies Präsidentin Christine Lagarde zuletzt immer auf vorübergehende Faktoren. Die Notenbankerin ist nach wie vor davon überzeugt, dass die Inflationsrate im kommenden Jahr wieder sinken wird. Die derzeitigen Engpässe im Welthandel, die viele Rohstoffe und Vorprodukte verteuern, erachtet sie bisher als temporär. Der unterliegende Preisauftrieb blieb zuletzt schwach. So lag die Kerninflationsrate zuletzt bei nur 0,9 Prozent.

Offen, ob Geschwindigkeit beibehalten

Einig sind sich die Ökonomen, dass Umfang und Laufzeit von PEPP unverändert bleibt. "Heikler dürfte aber die Frage sein, ob die im März 2021 getroffene Entscheidung, die Geschwindigkeit der Anleihekäufe zu erhöhen, im dritten Quartal fortbestehen wird", schreibt Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der Fondsgesellschaft DWS. Dies sei im EZB-Rat umstritten.

Aktuell kauft die EZB Anleihen im Wert von rund 80 Mrd. Euro pro Monat. "Ausschlaggebend dürfte aber die hohe wirtschaftliche Unsicherheit sein, so dass sich letztlich eine Mehrheit in der EZB für unverändert hohe Anleihekäufe im dritten Quartal finden sollte". Der Leitzins von Null Prozent und der Einlagensatz von minus 0,5 Prozent dürften noch für lange Zeit gelten.

Sollte sich jedoch die wirtschaftliche Erholung fortsetzen, dürften die Diskussion über Anpassungen bei PEPP zunehmen. "Die EZB ist in der angenehmen Lage, dass der Inflationsdruck noch niedrig ist", schreibt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Dies gebe ihr die Möglichkeit, schrittweise aus der sehr lockeren Geldpolitik auszusteigen und das Risiko von Turbulenzen an den Finanzmärkten zu begrenzen. "Die EZB kann ihre äußerst expansive Geldpolitik nur dann langsam und mit wenig Nebenwirkungen zurückfahren, wenn sie rechtzeitig damit anfängt", so Krämer. (apa)