Verändert euch, tauscht alles aus - außer eure Frau und eure Familie", schrieb der mittlerweile verstorbene Samsung-Boss Lee Kun-Hee im Jahr 1993 in einem Memo an sein Führungsteam. Er hatte sich bei einer Reise in die USA über den mangelnden Erfolg seiner Produkte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geärgert und war wütend. Die Lösung: Lee Kun-Hee schickte eine Abordnung von Samsung-Managern zum Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien. Sie sollten dort herausfinden, wie man am besten ein topmodernes, innovatives Design-Labor für Samsung aufbaut. Heute existieren Design-Studios in Seoul, Tokio, Peking, Delhi, London, San Francisco und Sao Paulo.

Dabei entwickelte Samsung seine eigene Design-Philosophie, die auf dem Yin (Um)-Yang-Symbolismus basiert. Das Yin-Yang-Symbol findet sich übrigens im Zentrum der koreanischen Flagge wieder. Yin & Yang: Zwei scheinbare Gegensätze sollen einander ergänzen. Samsung platzierte sich im Smartphone-Markt zwischen Apple (die US-Marke steht für Samsung-Manager für Einfachheit, Gefühl) und Sony (dem japanischen Rivalen wurden von Samsung-Managern Komplexität und Vernunft zugeschrieben). Apple hat Samsung in puncto Marktanteil bei Mobiltelefonen bereits überholt, Sony spielt in diesem Markt keine Rolle mehr - ein besonders süßer Sieg für die Koreaner über die früheren Kolonialmacht Japan, gegen die man im Wettbewerb stets auf allen Ebenen obsiegen will.

Koreanische Magie

Diese "koreanische Magie" ist für Tony Mitchell, Management-Theoretiker und Autor des Buches "Samsung Electronics: And the Struggle For Leadership of the Electronics Industry", das Geheimnis des Samsung-Erfolgs. "Bballi, Bballi - schnell, schnell", lautet auch das Motto der koreanischen Industrie, die Apple eingeholt und Sony auf die Plätze verwiesen hat, aber bereits die aufholende chinesischen Konkurrenz  dicht auf den Fersen hat. So haben Xiaomi und Huawei beinahme schon zu Samsung aufgeschlossen, was das technologische Niveau anlangt. Zudem haben beide Konzerne den Vorteil im größten Handy-Markt der Welt - China - beheimatet zu sein. Korea setzt deshalb auf Kreativität und Design.

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Jahrzehntelang war Korea eine verlängerte Werkbank für die Industrieländer. Begonnen hat alles mit der Textilindustrie: In den 1970er Jahren produzierte Korea T-Shirts, der koreanische Konzern Daewoo verlagerte aber nach dem Abschluss des Multifaserabkommens von 1974 - eines Handelspakts, der strikte Importquoten aus Korea in die USA und nach Europa festschrieb - seine Produktion nach Bangladesch und begründete damit die dortige Textilindustrie. Korea selbst wandte sich nach und nach der Produktion höherwertigerer Gütern zu: Hyundai und Kia sind heute für etablierte Hersteller eine ernstzunehmende Konkurrenz, im Elektroniksektor gehören koreanische Unternehmen zu den Weltmarktführern.

Gleichzeitig steht das Wirtschaftsmodell vor enormen Herausforderungen: Die Jaebeol, Koreas große Mischkonzerne, sind bis heute das Rückgrat der koreanischen Wirtschaft, doch die Regierung bemüht sich um die Förderung von Start-up-Unternehmen und fördert ein Entrepreneur-Ökosystem, das dazu beitragen sorgen soll, dass die koreanische Wirtschaft nicht verknöchert und die Kleinen Impulse an die Jaebols-Giganten weitergeben. Ein Beispiel: Während der Covid-19-Krise hat die koreanische Biotech-Branche ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben. Innerhalb kürzester Zeit brachten koreanische Unternehmen Antigentests auf den Markt, die in alle Welt exportiert werden.

Und Samsung? Die Pharma-Tochter des Mischkonzerns baut eine Fabrik in Incheon (nahe Seoul), um dort in Zukunft Generika-mRNA-Impfstoffe der neuesten Generation herzustellen.