Infineon-Chef Reinhard Ploss sieht die von der EU forcierten Pläne für eine riesige Fabrik für die modernsten Computer-Chips in Europa skeptisch. "Wenn man sich für eine Zwei-Nanometer-Fabrik in Europa entscheidet, würde ich mich fragen, wer die Kunden dafür sein sollen", sagte der Chef des deutschen Konzerns, zu dem auch Infineon Austria gehört, in einem Interview mit Reuters. "Handy-Hersteller? Davon gibt es in Europa nicht mehr so viele. Computer-Produzenten? Wir mögen hier Computer nutzen, aber wir bauen sie nicht." Die neue Zwei-Nanometer-Technologie ist vor allem für Smartphones und Laptops von Bedeutung.

Vor dem Hintergrund der Engpässe in der Chip-Produktion nach der Corona-Krise hatte sich die EU für einen Ausbau der Kapazitäten in Europa stark gemacht, um weniger abhängig von den Lieferungen aus Asien zu sein.

EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton spricht seit Wochen mit wichtigen Branchenvertretern wie Intel-Chef Pat Gelsinger. Dieser hatte Deutschland als möglichen Standort für eine neue große Chip-Fabrik ins Gespräch gebracht, fordert dafür aber Subventionen in Milliardenhöhe. Am Freitag ist Breton zu Besuch in der Infineon-Zentrale in Neubiberg bei München.

Chip-Engpässe halten an

Massive Chip-Engpässe belasten seit Monaten die Produktion in vielen Branchen, etwa in der Autoindustrie, für die Infineon der wichtigste Lieferant von Leistungshalbleitern ist. Ploss hat wenig Hoffnung, dass sich die Lage schnell entspannt. Der Chip-Bedarf habe sich durch die forcierte Digitalisierung in der Corona-Krise erhöht, zugleich behinderten neue Corona-Ausbrüche den Nachschub aus Ländern wie Vietnam, Taiwan und Malaysia. Auf den unerwarteten Nachfrageanstieg könnten die Hersteller nicht so schnell reagieren, die Engpässe dürften noch für einige Zeit anhalten, sagte der Infineon-Chef.

Auch Infineon ist stark abhängig von Chip-Auftragsfertigern aus Asien wie der taiwanischen TSMC. Ploss hatte im Mai kritisiert, diese hätten nicht ausreichend investiert. Dabei sei Infineon bei Spezial-Halbleitern dank seiner beiden Fabriken in Villach und Dresden noch in einer besseren Lage: "Wir haben zwei Standorte, die gerade hochlaufen, was ein Vorteil gegenüber den meisten unserer Konkurrenten ist, bei denen alles knapp ist." (reuters)