Die einen schauen in eine vollelektrische Zukunft, die anderen kämpfen mit den Widrigkeiten der Gegenwart. Während VW und Daimler am Donnerstag skizziert haben, wie die Mobilitätswende in ihren Konzernen aussehen soll, vermeldet BMW akute Produktionsprobleme durch den Chipmangel. Im Werk in Leipzig konnte diese Woche laut BMW-Sprecher Kai Lichte nur an einem von fünf Tagen produziert werden. Rund 4.000 Autos konnten wegen des Produktionsstopps nicht vom Band rollen. Und das kurz vor den dreiwöchigen Werksferien, die am Montag beginnen. Auswirkungen hat das auch auf die Elektroschiene von BMW, wird doch in Leipzig, wo pro Tag rund 1.100 Autos gebaut werden, auch der i3 gefertigt.

Bei VW hingegen hat sich der weltweite Chipmangel bisher noch nicht negativ ausgewirkt. Die Wolfsburger dürften im ersten Halbjahr einen Betriebsgewinn von rund 11 Milliarden Euro eingefahren haben. In der zweiten Jahreshälfte könnte es aber auch bei VW zu Problemen kommen. Bis dahin blickt man aber lieber noch viel weiter in die Zukunft und verspricht für diese deutlich billigere Elektroautos, die dem Konzern gleichzeitig mehr Gewinn bescheren sollen. Die Margen nähern sich nämlich immer mehr jenen der Verbrenner an. Dementsprechend will der VW-Konzern schon bald mit dem Verkauf von E-Autos eine vergleichbare Rendite einfahren wie mit herkömmlichen Benzin- und Dieselfahrzeugen.

"E-Mobilität und Verbrenner in zwei bis drei Jahren auf demselbe Niveau"

"Wir gehen davon aus, dass unsere Margen in der E-Mobilität und im Verbrenner-Geschäft bereits in zwei bis drei Jahren auf demselben Niveau liegen werden", rechnete Konzernchef Herbert Diess am Donnerstag auf der virtuellen Hauptversammlung vor. Bis 2030 soll der weltweite Markt für batteriegetriebene Fahrzeuge die Verbrenner auch beim Absatz eingeholt haben. "E-Autos werden dann deutlich günstiger als Verbrenner sein", sagte Diess.

Erreichen will Europas größter Autokonzern dies durch weitere Einsparungen, die Ausweitung der schon im traditionellen Autogeschäft erfolgreich eingeführten Plattformstrategie sowie digitale Mobilitätsdienste. Bis zur Mitte des Jahrzehnts will Volkswagen nach bereits bekannten Plänen die nächste Generation einer rein elektrischen und digitalen Plattform (SSP) entwickeln, auf der dann alle Modelle aller Marken und Segmente gebaut werden sollen. Auch vom Einbau einer sogenannten Einheitszelle in die Energiespeicher von E-Autos im Volumensegment verspricht sich der Konzern deutliche Kostensenkungen. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll die Hälfte der Neuwagenflotte aus Elektroautos bestehen, um die schärferen Klimavorgaben zu erfüllen.

Daimler-Chef Källenius: 2025 soll die Hälfte der Neuwagen elektrisch sein

Finanzieren will Volkswagen den Schwenk in die E-Mobilität aus eigener Kraft. Der Verkauf von Unternehmensteilen zur Finanzierung steht nicht im Fokus. "Wir werden weiterhin hohe Cashflows erwirtschaften, um die Transformation zu finanzieren", ist Diess überzeugt. Die Ertragskraft solle weiter steigen. Dazu werde auch eine tiefere Wertschöpfung in den neuen Geschäftsfeldern "Batterie und Laden" beitragen, kündigte er vor den Aktionären an. Für 2025 verspricht VW eine Rendite von auf 8 bis 9 Prozent.

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Auch der Konkurrent Daimler fokussiert immer stärker auf die E-Mobilität, und zwar konsequent. Bei der Marke Mercedes-Benz verabschiedet sich der Konzern von den Plug-in-Hybriden und setzt laut Daimler-Chef Ola Källenius künftig auf reine Stromer. Für 2025 wird ein Anteil der E-Autos am Jahresabsatz von bis zu 50 Prozent angestrebt, der Großteil davon batterie-elektrisch. Ein genaues Absatzziel für reine E-Autos nennt Källenius aber bisher nicht.

Fest steht aber: Unter dem Leitbegriff "Electric only" soll das ganze Mercedes-Geschäft auf elektrisches Fahren ausgerichtet werden. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll die gesamte Neuwagenflotte von Mercedes-Benz vollelektrisch werden. Zum Teil ist das weniger ein Wunsch des Konzerns als vielmehr eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Denn im Zuge der Umstellung auf die europäische Abgasnorm Euro-7 wird etwa die Hälfte der Verbrennungsmotoren in den kommenden Jahren wegfallen, so Daimler-Entwicklungschef Markus Schäfer.

Elektro-Offensive und Dieselskandal

Die Elektro-Offensive ist wohl auch vor allem bei VW vor dem Hintergrund des Dieselskandals zu sehen. Die Manipulation von Abgaswerten in Millionen von Autos hat dem Wolfsburger Konzerns massiv geschadet. Mit der Mobilitätswende versucht sich VW nun ein neues Image zu verpassen, zumal der Dieselskandal immer noch ein Thema ist: Auf der Hauptversammlung winkten die Aktionäre einen außergerichtlichen Vergleich mit dem ehemaligen Vorstandschef Martin Winterkorn und Ex-Audi Chef Rupert Stadler über eine millionenschwere Entschädigungen für Versäumnisse im Dieselskandal durch. Jeweils 99,9 Prozent stimmten dafür.

Winterkorn zahlt demnach 11,2 Millionen Euro, auf Stadler entfallen 4,1 Millionen. 270 Millionen Euro erhält Volkswagen von der Haftpflichtversicherung D&O, die der Konzern für sein Top-Management abgeschlossen hat. Insgesamt fließen Volkswagen in dem mit Milliardenaufwand aufgearbeiteten Dieselskandal rund 288 Millionen Euro an Entschädigungen zu. Ursprünglich war Winterkorn ein Schaden von mehr als einer Milliarde Euro zugerechnet worden. Die Aufarbeitung der millionenfachen Abgasmanipulation kostete den Autokonzern bisher mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Vereinbarungen seien für das Unternehmen vorteilhaft, sagte IG-Metall-Chef und VW-Aufsichtsrat Jörg Hofmann. "Zwar übersteigt der durch die Dieselthematik entstandene Gesamtschaden von über 32 Milliarden Euro die Beiträge deutlich." Dieser Schaden sei aber nur zu einem vergleichsweise geringen Teil Winterkorn und Ex-Audi-Chef Rupert Stadler zuzurechnen. Außerdem reiche die finanzielle Leistungsfähigkeit der beiden Ex-Manager – auch unter Berücksichtigung der D&O-Versicherung – bei weitem nicht aus, um den entstandenen Schaden auszugleichen. (reuters)