"Von allem ist noch genug da!", ruft der Mitarbeiter am Kiosk hinter der Tribüne. "Bento, Getränke, Snacks. Was wollen Sie?" Es ist der Abend der Eröffnungsfeier von "Tokyo 2020", den wegen der Pandemie um ein Jahr verschobenen Spielen, und der neue Sporttempel muss leer bleiben. Eigentlich hätte dieser Tag der erste des ganz großen Konsums werden sollen. 66.000 Menschen wären ins eigens hierfür gebaute Nationalstadion gekommen, hätten hier Bier getrunken, Bratreis gegessen, Souvenirs gekauft.

Aber die Pandemie hat das nicht zugelassen. Wegen einer neuen Infektionswelle in Japan, die schon seit einigen Wochen täglich etwas größer wird, beschlossen die Organisatoren Anfang Juli gegen den eigenen Willen, dass alle Stadien in und um Tokio leerbleiben müssen. Auch Public Viewing Events wurden komplett abgesagt.

So kam an den Tagen nach der fast traurig emotionslosen Eröffnungsfeier noch heraus, dass tausende Bento-Boxen aus dem Stadion weggeworfen werden mussten. In der leeren Arena war den ungefähr 2.000 anwesenden Journalisten und VIPs offenbar nicht einmal im entsprechend reduzierten Ausmaß nach Konsum zumute.

Aus gesundheitspolitischen Erwägungen stieß der Entschluss zum Zuschauerverbot im Gastgeberland - sofern die Spiele denn überhaupt stattfinden sollten - auf breite Zustimmung. Allerdings ist er ökonomisch betrachtet der Todesstoß für die ansonsten größte Sportveranstaltung der Welt, die ja eigentlich viel mehr als nur Sport ist. Olympia feiert sich neben athletischen Höchstleistungen als Fest der Völkerverständigung und Loblied auf die Ideale des Liberalismus. Und praktisch handelt es sich dabei vor allem um großen Kommerz.

Ökonomische Effekte wurden überschätzt

"Tokyo 2020" hatte gar nicht versucht, diese wirtschaftliche Komponente zu verstecken. Bei der schon zu Beginn der Olympiapläne skeptischen japanischen Gesellschaft wurde das ökonomische Argument sogar betont. In der alternden japanischen Bevölkerung, deren Zahl an Produzenten und Konsumenten Jahr für Jahr sinkt, sollten die Spiele einen Boom befeuern. Die Organisatoren hatten mit ökonomischen Effekten in Höhe von 32 Milliarden US-Dollar (27,13 Milliarden Euro) gerechnet.

Diese Zahl war immer schon eine Übertreibung, da auch indirekte Faktoren wie der Ausbau des 5G-Netzes sowie Investitionen in Robotik und Wasserstoff mit einberechnet wurden. Der Ökonomieprofessor Katsuhiro Miyamoto von der Kansai Universität schätzte den wahren Mehrwert der Spiele in Japan auf ein Viertel der offiziellen Kalkulation. Dabei ging Miyamoto bei jenem Wert davon aus, dass es Besucher aus dem Ausland und Zuschauer in den Stadien geben würde. Schließlich war die Tourismus- und Gastronomiebranche als großer Boomsektor vorgesehen, der einen maßgeblichen Beitrag zu Japans Wirtschaftswachstum leisten sollte. Für das Jahr der Olympischen Spiele - das ohne die Verschiebung um ein Jahr schon 2020 gewesen wäre - hatte Japans Regierung einen Rekordwert von 40 Millionen Auslandstouristen angepeilt. Dabei handelte es sich um einen äußerst ehrgeizigen Plan: Im Jahr 2013 waren noch kaum mehr als zehn Millionen Besucher nach Japan gekommen. Aber durch aufwendige Kampagnen war es den Planern der Regierung gelungen, schon 2018 die 30-Millionen-Marke zu überschreiten. Ohne die Corona-Pandemie wäre das Ziel für das Olympiajahr 2020 jedoch wohl erreicht worden.

Auch die japanischen Besucher fehlen

Inmitten der Pandemie fiel die Auslastung der Hotels dann allerdings um 80 bis 90 Prozent. Das schmerzt die Branche doppelt, da viele Hotel- und Restaurantketten eigens für das Olympiajahr investiert und neue Zweigstellen eröffnet hatten. Auch deshalb tat sich die Regierung zu Beginn der Pandemie schwer damit, die Bestimmungen für Beherbergungen einzuschränken.

Einerseits wurden die nationalen Außengrenzen rasch geschlossen, sodass die Zahl von Auslandstouristen praktisch auf null fiel. Doch als Ersatzmodell rief Premierminister Yoshihide Suga zunächst die sogenannte "Go-To-Travel-Kampagne" ins Leben: Damit forderte die Regierung die japanische Bevölkerung zum Reisen quer durchs Land auf, indem sie Übernachtungen bezuschusste. Als sich Ende letzten Jahres aber zeigte, dass sich anhand dieser Inlandstourismus-Subventionen auch die Infektionszahlen erhöhten, wurde die Maßnahme wieder eingestampft.

Und mittlerweile warten viele in der Branche gar nicht mehr auf einen baldigen Tourismus- und Konsumboom. "Bei uns haben insgesamt 15 Hotels vorübergehend geschlossen", sagt Ayumu Nakamori von der in ganz Japan vertretenen Kette "Super Hotel". Ein Hotel des Unternehmens, mit angeschlossenem Onsen, einer Heißquelle zum Baden, wurde dagegen als Art Sekundärkrankenhaus für asymptomatische Corona-Patienten umfunktioniert.

"Wir hoffen, dass wir auf diese Weise auch lernen, in Zukunft alle unsere Hotels sauberer und sicherer zu machen", sagt Nakamori und gibt sich zweckoptimistisch. Aber eigentlich hatte man auf olympische Gäste gehofft.

Neue Geschäftsmodelle: Miete statt Hotelzimmer

Andere Hotels haben sich so umorientiert, dass sie sich fast nicht mehr als Hotels bezeichnen lassen. Das "Imperial Hotel", das 1890 für ausländische Staatsgäste und weitere VIPs erbaut wurde, akzeptiert jetzt etwa auch Mieter.

Ein 30-Quadratmeter-Studiozimmer kostet dort im Monat 360.000 Yen, also knapp 2.800 Euro, und ist damit für kaum jemanden bezahlbar. Im Vergleich zum regulären Mietmarkt in Japans Hauptstadt hat das Imperial Hotel aber einen Vorteil, der über seine unmittelbare Nachbarschaft zum Kaiserpalast hinausgeht: Mieter müssen weder eine Kaution noch die bei Wohnungen übliche Gebühr für die Schlüsselübergabe zahlen.

Mehrere Hotels bieten solche Dienste nun an. Dass dies die eigentlich erhofften Einnahmen kompensiert, ist nicht zu hören.

Eine weitere Studie von Katsuhiro Miyamoto an der Kansai Universität in Osaka hat ergeben, dass bei Olympischen Spielen komplett ohne Zuschauer insgesamt Erlöse in Höhe von 19 Milliarden Euro ausfallen. "Einerseits gehen die Ticketeinnahmen verloren, andererseits stehen all die neugebauten Hotels leer, und rund um die Spielstätten fällt der Konsum aus und Werbeaktivitäten gehen zurück", so Miyamoto.

Und dann sei da noch der entgangene Effekt, der dadurch entstanden wäre, dass Gäste, die nach Japan kommen, daheim davon erzählen würden, wie schön es in Japan war. "Das wäre ein indirekter Werbeeffekt, durch den sich später noch mehr Menschen für Tourismus nach Japan interessieren würden. Und der geht auch verloren."

Außerhalb von Tokio scheint man die Hoffnung auf Besucher schon komplett aufgegeben zu haben. Im zentraljapanischen Niigata, wohin die Olympia-Touristen womöglich für einen Abstecher nach Ende der Spiele gekommen wären, machte im Frühjahr das erste Hotel damit Schlagzeilen, sein Geld nun anders verdienen zu wollen. Mittlerweile vermietet man Zimmer als Studentenwohnheim. Inklusive Strom, Warmwasser und Internet sollen die Studis im Monat 46.000 Yen zahlen, also ungefähr 355 Euro. - Mit Touristen wären dies in etwa die Einnahmen pro Woche gewesen. Aber als Richtwert gelten normale Zeiten wohl nicht mehr.