Geldscheine, Münzen, ein Dutzend Kassenbelege - ein bekanntes Bild der Geldbörse, wie sie fast jeder bei sich trägt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nun vor zwei Wochen der Umsetzung des digitalen Euros zugestimmt. Die elektronische Geldbörse, eine sogenannte "E-Wallet", gibt es für den Tausch mit beispielsweise Bitcoin oder Gold bereits. In einigen Jahren könnte auch der digitale Euro als Zahlungsmittel in der E-Wallet dabei sein. So schnell werden wir Euro-Münzen und Geldscheine aber noch nicht bei der Nationalbank eintauschen müssen.

Warum ein digitaler Euro?

Fast über die ganze Menschheitsgeschichte hinweg wurden physische Objekte als Wertspeicher verwendet. Viele befürchten nun die Abschaffung des Bargeldes. Die EZB sieht aber vor, den digitalen Euro zusätzlich, nicht anstelle von Bargeld in Umlauf zu bringen. "Auch ein digitaler Euro wäre ein Euro, genau wie Euro-Banknoten, nur eben digital", sagt Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, die damit eigentlich schon spät dran ist. China testet bereits den digitalen E-Yuan. Facebook will nach dem Aus der Digitalwährung Libra mit dem Diem-Dollar den zweiten Versuch einer virtuellen Welt-Währung starten.

Mit dem Beschluss der EZB sollen zwei Jahre im Rahmen einer "Untersuchungsphase" alle Fragen rund um die Beschaffenheit, Verfügbarkeit oder den Kurs geklärt werden. Die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Händler zu erkennen, sei wichtig, bevor Geschäftsmodelle auf der digitalen Währung aufgebaut werden. "Illegale Aktivitäten wie zum Beispiel Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche - das alles kann es auch mit einem digitalen Euro nicht geben", sagt Hannes Hermanky von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB9.

Um den Unterschied zum Euro, wie wir ihn bar und elektronisch verwenden, zu verstehen, muss man vorerst Commerzbankgeld und Zentralbankgeld unterscheiden. Ersteres ist jenes Geld, das wir auf dem Bankkonto besitzen. Wenn beim Bankomaten Banknoten abgehoben werden, wechselt man in Zentralbankgeld. Zu digitalem Zentralbankgeld haben Unternehmen und Privatpersonen jedoch keinen Zugang. Ein digitaler Euro soll diese Lücke schließen und wäre damit eine Verbindlichkeit der Notenbank. Um nicht unbegrenzt Zugriff zu Zentralbankgeld zu gewähren, ist eine Höchstgrenze von 3000 Euro pro Person von der EZB in den Raum gestellt worden.

Bei einem digitalen Euro wird nun die Möglichkeit, auch offline elektronisch zu zahlen, angesprochen. Wichtigstes Kriterium für potenzielle Nutzerinnen ist der Schutz der Privatsphäre.

Was passiert mit dem Bargeld

"Bargeld ist immer noch in vielen Ländern Europas - insbesondere in Österreich, aber auch Deutschland - das am häufigsten genutzte Zahlungsmittel", sagt Hermanky. Auch die EZB bekennt sich weiterhin zum Fortbestehen von Bargeld. Das Bargeld von heute auf morgen aus dem Verkehr zu bringen, sei ohnehin unmöglich.

Dass die EZB nun ernsthaft über eine eigene Digitalwährung nachdenkt, könnte daran liegen, dass Kryptowährungen wie Bitcoin & Co immer mehr an Popularität gewinnen. Die Kurse legten in der Pandemie massiv zu. Gleichzeitig bezahlten die Menschen im Vorjahr immer öfter per Karte statt mit Bargeld "Das würde den Übergang der europäischen Wirtschaft in das digitale Zeitalter unterstützen", so Lagarde.

Nicht staatliche Dienste wie Paypal und Apple Pay wird es laut OeNB Experte Hermanky auch neben dem digitalen Euro weiterhin geben. "Der digitale Euro wäre ein zusätzliches Angebot und würde im Wettbewerb mit anderen Zahlungsmitteln stehen", sagt er.

Was bedeutet Kryptowährung?

Der digitale Euro ist von der Kryptowährungen klar abzugrenzen. Der wesentliche Unterschied besteht in der Regulierung. Auch unterliegen die Preise der Krypto-Assets häufiger großen Schwankungen. Die bekannteste Kryptowährung ist der Bitcoin. Bitcoins können entweder bei Onlinebörsen oder Einzelpersonen gegen andere Währungen getauscht werden. Jede Transaktion wird verschlüsselt und dezentral gespeichert. Die Informationen werden mit komplizierter Mathematik zu Datenblöcken - sogenannten Blockchains - zusammengefasst.

Es wird sichergestellt, dass gültige Transaktionen mit Bitcoins nur vom jeweiligen Eigentümer vorgenommen und Geldeinheiten nicht mehrfach ausgegeben werden können. Anders als bei neuen Banknoten einer Zentralbank werden neue Bitcoins durch die computerbasierte Lösung kryptographischer Aufgaben, das sogenannte "Mining", geschaffen, wobei die Maximalmenge auf 21 Millionen Bitcoins beschränkt ist.

Die Attraktivität von Bitcoin ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, obgleich ihr Wert immer wieder eine Achterbahnfahrt hinlegt. Zuletzt kostete ein Bitcoin 33.366 Euro. Immerhin gibt es auch gerade wegen der enormen Preisschwankungen viel zu gewinnen.

Bitcoin & Co. haben auch ihre Schwachstellen. Eine der größten ist die Skalierbarkeit, führt Martin Miernicki vom Forschungsteam für Kryptowährungen und virtuelle Finanzierungsformen der Universität Wien aus. Im Rahmen von Bitcoin sei das die Einschränkung der Blockchain in der Verarbeitung mehrerer Transaktionen. Das Bitcoin-Netzwerk kann nur eine bestimmte Anzahl an Transaktionen in einem Zeitraum verarbeiten. Davon abhängig sind die möglichen Datenverarbeitungsmengen, die Transaktionszeiten und folglich auch die Sicherheit, erklärt Miernicki weiter. Zusätzlich müsse man die hohen Energiemengen, die verbraucht werden, einpreisen.

Je mehr Personen in Bitcoin investieren, desto höher sei neben dem Stromverbrauch auch die Auswirkung auf die Finanzstruktur. "Würde jede Privatperson vornehmlich nur mehr Bitcoin gegen jegliche Güter und Dienstleistungen tauschen, dann könnte das für das staatliche Geld schon eine Gefahr bedeuten", so der Kryptoforscher. Ob Kryptowährungen jemals von der breiten Bevölkerung genutzt werden, sei aber noch Zukunftsmusik. Auch die Akzeptanz eines digitalen Euro in der Bevölkerung sei noch unklar.

Unterschied zum digitalen Euro

Eine staatliche Währung, wie es der digitale Euro sein würde, kann keine Kryptowährung sein. Vor allem deswegen, weil die Idee von Bitcoin & Co ein dezentraler Zahlungsverkehr ist - also ohne einen Intermediär wie die Bank. Damit ist eine zentralisierte, digitale Währung genau das Gegenteil von einer Kryptowährung.

"Zudem sind Kryptowährungen keine ‚Währung‘ im klassischen Sinn", erklärt Alexander Eisl, Chief Scientific Officer des Austrian Blockchain Centers. Sie seien nicht allgemein akzeptiert, sie seien nicht stabil, und sie würden sich nur bedingt zur Wertaufbewahrung eignen - alles Voraussetzungen, die eine staatliche Währung erfüllen müsse.

Anonym oder Pseudonym

Sowohl beim digitalen Euro als auch bei Kryptowährungen ist der Schutz der Privatsphäre ein Punkt, den viele hinterfragen. "Die meisten Kryptowährungen sind nicht komplett anonym, sondern eigentlich pseudonym", erklärt Alexander Eisl. Transaktionen mit Bitcoin könnten nicht mit realen Identitäten verknüpft werden. Es sei möglich, aber nicht garantiert, dass Verbindungen zwischen Pseudonymen und realen Personen gemacht werden könnten. Geld aber grundsätzlich könne in jeder Form von Kriminellen oder für Straftaten genutzt werden. Dass Kryptowährungen für Kriminalität geeignet seien, sollte jedoch nicht in den Raum gestellt werden.