China gilt bei Volkswagen als Erfolgsgeschichte. Die Wolfsburger sind Marktführer auf dem weltgrößten Pkw-Markt, fast 40 Prozent aller ihrer Autos werden in China verkauft. Das robuste Geschäft dort half Volkswagen auch in der Corona-Krise über das Gröbste hinweg. Doch das Beispiel eines vergeigten Crashtests zeigt, wie schnell Erfolge verspielt werden können, wenn an der falschen Stelle gespart wird: Als das Mittelklassemodell Passat 2019 bei einem von chinesischen Versicherern konzipierten Aufpralltest durchfiel, geriet das Image des Konzerns als Hersteller von Autos mit deutschen Qualitätsstandards unter die Räder. Und Volkswagen musste inmitten seiner Anstrengungen für Kostensenkungen Geld ausgeben, um den Mangel zu beheben.

Der Absatz des Verkaufsschlagers Passat brach 2020 in China um 35 Prozent auf rund 141.800 Einheiten ein. Ein wichtiger Grund dafür war sicher die Corona-Krise, aber das Minus war doch deutlich höher als der Rückgang des chinesischen Pkw-Marktes von knapp sieben Prozent im gleichen Zeitraum. Das Video von dem Crashtest-Debakel ging in den sozialen Medien viral und die Diskussion, die danach bei Konkurrenten, Branchenkennern und Kunden im Internet entbrannte, kratzte enorm am Ruf von Volkswagen. In einer Studie des Beratungsunternehmens JD Powers zur langfristigen Zuverlässigkeit schnitten Fahrzeuge von VW 2020 schlechter ab als der Branchendurchschnitt.

VW auf Test-Methode nicht vorbereitet

Was war passiert? Bei einem Crashtest mit dem Passat, den VW in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem chinesischen Autobauer SAIC baut, war Ende 2019 die A-Säule gebrochen. Sie zählt zu den tragenden Teilen und soll den Fahrerbereich schützen. Gemacht wurde der Test nach den Vorgaben chinesischer Versicherer, bei denen eine andere Aufprallsituation simuliert wird als bei den sonst üblichen Versuchen des China Automotive Technology and Research Center (Catarc), die VW mit einem Fünf-Sterne-Rating bestand. Bei den Crashtests nach C-IASI (China Insurance Automotive Safety Index) prallt ein Wagen mit nur einem Viertel der Fahrzeugfront gegen ein Hindernis. Die Energie des Aufpralls konzentriert sich damit auf diesen Bereich. Ähnlich wird in den USA getestet.

Auf diese Methode war man bei SAIC-Volkswagen jedoch nicht vorbereitet. Der Autobauer war auf Kostensenkungen bedacht gewesen. Ein internes Dokument, das Reuters einsehen konnte, zeigt, dass die Finanzabteilung von SVW das Management angewiesen hatte, die Kosten in der Produktion 2019 um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu senken. Damals waren Autoverkäufe in China zum ersten Mal seit den 1990er Jahren gesunken. Und VW stand als Massenhersteller zunehmend unter Druck, weil aufstrebende Konkurrenten wie Geely und Great Wall aufholten - mit preiswerteren Autos. Um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten, versuchten die Ingenieure bei SAIC-Volkswagen die Autos so zu bauen, dass sie die Vorgaben gerade noch erfüllten, beschrieb eine direkt involvierte Person das Vorgehen: Wenn 60 Punkte ausreichten, um einen Sicherheitstest zu bestehen, sei es nicht als nötig angesehen worden, 80 Punkte zu erreichen.

Zusätzliche Metallteile für 52 Euro je Auto

In der Wolfsburger Zentrale schrillten angesichts des Shitstorms in den sozialen Medien die Alarmglocken. Denn auf die Einnahmen auf seinem wichtigsten Absatzmarkt ist Volkswagen angewiesen, um den teuren Umschwung in die Elektromobilität zu stemmen. Insidern zufolge wurde ein Krisenstab mit Dutzenden von Ingenieuren und Managern eingerichtet, um den Schaden zu begrenzen. Zum einen beschwerte sich SAIC-Volkswagen Insidern zufolge bei der Versicherungswirtschaft über die Tests. Der Autobauer verweist darauf, dass solche Tests nicht die Situation auf chinesischen Straßen berücksichtigten, wo schwere Frontalunfälle wegen der üblichen Barrieren auf dem Mittelstreifen eher selten seien. "Nur ein Prozent der Unfälle in China entsprechen diesem Modell."

Zugleich stimmten die Ingenieure zu, Metallteile in der Fahrzeugfront einzubauen, um die Karosserie zu verstärken. Das kostete etwa 400 Yuan (umgerechnet rund 52 Euro) pro Auto und betraf Hunderttausende von Fahrzeugen - denn nicht nur beim Passat sollte die Karosserie verstärkt werden, auch andere Modelle wurden nachgebessert, wie die Personen mit Kenntnissen der Vorgänge berichteten. Insgesamt summierten sich die Kosten auf mehrere zehn Millionen Dollar - eine bedeutende Größe für einen Konzern im Kostensenkungsmodus. Ein VW-Sprecher sagte auf die Frage nach der Frontverstärkung, Volkswagen überarbeite seine Fahrzeuge ständig, um die Sicherheit und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen.

Inzwischen haben sich die Verkaufszahlen erholt, auch weil der Passat bei Crashtests besser abschnitt. "Damit sind wir auch nach dieser Testmethode (C-IASI) wieder klar mit das sicherste Auto, das es in diesem Bereich im Markt zu kaufen gibt", sagte China-Chef Stephan Wöllenstein. Das sehe man auch beim Absatz. "Mit dem neuen Modell, das SAIC-Volkswagen Mitte August im Markt einführen will, werden wir wieder an die alte Führerschaft des Passat in diesem Segment anknüpfen." (Reuters)