Das schwere Erdbeben der Stärke 7,2 nach Richter hat auf der karibischen Insel Haiti bisher 1.300 Menschenleben gekostet. An die 6.000 wurden verletzt. Jetzt drohen mit dem Tropensturm "Grace", der auf Haiti zurollt, weitere Verwüstungen. Die Naturkatastrophe trifft ein Land, das ohnehin am wirtschaftlichen Abgrund steht.

Bittere Armut, Korruption und das organisierte Verbrechen beherrschen das Land. Seit der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moise vor einem Monat versinkt die karibische Halbinsel, die an die Dominikanischen Republik grenzt, im politischen Chaos. Moise regierte per Dekret. Ihm wurde seitens der Opposition vorgeworfen, mit paramilitärischen Banden zu kooperieren, um politische Gegner einzuschüchtern.

Das Erdbeben hat ganze Landstriche verwüstet und zahlreiche Häuserblocks einstürzen lassen, darunter ein vierstöckiges Hotel in der Stadt Les Cayes. Hilfsorganisationen berichten, dass das ohnehin marode Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Krankenhäuser können die zahlreichen Verletzten gar nicht mehr aufnehmen, viele Gesundheitseinrichtungen wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Dabei hat sich Haiti noch immer nicht von den Folgen des letzten schweren Erdbebens vor rund zehn Jahren erholt. NGOs schätzen die Todesopfer in Folge des Erbebens und des folgenden Notstands auf 220.000 bis 500.000 Menschen. Wirtschaftshilfen und Förderungen für den Wiederaufbau sind in Korruption und Misswirtschaft verebbt.

Auch von Corona getroffen

Haiti zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. 58 Prozent der 11 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Über zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung haben keinen Job. Seit Jahrzehnten ist Haiti auf Entwicklungshilfen angewiesen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt nicht einmal 800 Dollar. Zum Vergleich: Das BIP pro Kopf in den USA beträgt 65.300 US-Dollar.

Anders als in der benachbarten Dominikanischen Republik ist der Tourismus kein gewichtiger Wirtschaftsfaktor. Es gibt in den Küstengebieten zwar Hotels und Restaurants, Touristenmassen bleiben aber aus. Die EU und die USA warnen seit Jahren vor Reisen in das Land wegen der Gefahr von Überfällen und Entführungen von Ausländern.

Und auch die Pandemie hat das Land, dessen Gesundheitssystem de facto funktionsunfähig ist, hart getroffen. Ein Drittel des haitianischen BIPs machen Überweisungen von im Ausland lebenden Haitianern aus. Diese sind im Vorjahr aber um 20 Prozent eingebrochen, weil viele, die in den USA oder im Nachbarland etwa im Tourismus arbeiteten, Pandemie-bedingt ihre Jobs verloren haben. (del)