China ist ein Land der Superlative. Das gilt auch für die Zahl seiner Milliardäre, von denen es zuletzt mit fast 700 mehr als die USA und damit weltweit die meisten hatte. Doch viele von ihnen dürften derzeit in hohem Maße beunruhigt sein und bange Blicke auf ihr Vermögen werfen. Denn Chinas Staatsführung trägt sich mit Plänen, die Reichen des Landes stärker an die Kandare zu nehmen, um den Wohlstand gerechter in der Gesellschaft zu verteilen. "Reichtum ja, aber für alle und nicht bloß für einige wenige", lautet Pekings Motto.

Ob China damit nach seiner wirtschaftlichen Öffnung vor rund 40 Jahren nun wieder für mehr Kommunismus auf ökonomischer Ebene sorgen wird, bleibt abzuwarten. Staats- und Parteichef Xi Jinping möchte jedenfalls "exzessiv hohe Einkommen" beschneiden und reiche Unternehmen dazu "ermutigen, mehr an die Gesellschaft zurückzugeben", wie er in einer ökonomischen Grundsatzrede ankündigte. Zwischen den Zeilen angesprochen hat der 68-Jährige dabei eine Umverteilung von oben nach unten, die ihm offenbar längst überfällig erscheint.

Pläne vorerst noch unklar

Zu konkreten Maßnahmen hielt sich Xi in seiner Rede bedeckt. Beobachter rechnen jedoch damit, dass Chinas mächtigster Mann bei der Umverteilungsfrage künftig deutlich entschlossener und mit mehr Eingriffen vorgehen wird. Vorstellbar wäre zum Beispiel, dass die Volksrepublik eine Immobiliensteuer und eine wesentlich höhere Besteuerung von Börsengewinnen einführt.

Forciert werden könnte aber auch die schon bisherige Praxis, die Privatwirtschaft des Landes stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen. So hat sich der Staat etwa an chinesischen Technologie-Unternehmen wie TikTok beteiligt und eigene Leute entsendet, um dort Einfluss auf das Management zu nehmen.

Dass Xi das kapitalistische Leistungsprinzip fortan stark aufweichen oder gar komplett abdrehen will, ist indes höchst unwahrscheinlich. Denn wirtschaftlich ist China bisher viel zu gut damit gefahren, als dass es nun wieder davon groß abrücken würde.

"Dass Xi Jinping ausgerechnet jetzt die Gerechtigkeitsfrage anspricht, hat natürlich auch politisches Kalkül", so die "Neue Zürcher Zeitung" in einer Analyse. "Der 68-Jährige, der sich de facto als Machthaber auf Lebenszeit ernannt hat, wird 2022 wohl als erster Staatschef seit Mao Zedong seine dritte Amtszeit antreten."

Xi sei "bei den Unternehmereliten verhasst, während er beim einfachen Volk große Beliebtheit genießt - vor allem aufgrund seines Kampfes gegen Korruption", heißt es in dem Artikel weiter. "Auch die harschen Töne gegen die reichen Eliten des Landes dürften bei den meisten Chinesen auf offene Ohren stoßen."

Große Kluft bei Einkommen

Wie ungleich die Einkommen in China verteilt sind, zeigt der sogenannte Gini-Koeffizient, der als Gradmesser von 0 bis 1 reicht. Zuletzt wurde für China demnach ein Wert von 0,47 ermittelt, während etwa die USA auf 0,41, Deutschland auf 0,29 und Österreich auf 0,28 kamen. Zur Erklärung: Bei einem Wert von 1 verfügt ein einziger Superreicher über alles Vermögen, während bei 0 jeder genau das Gleiche hat. Je näher der Wert also bei 1 liegt, desto ungleicher ist das Vermögen verteilt.

In China ist die Ungleichheit bei den Einkommen jedenfalls weit höher als in den meisten Ländern Europas. Auf das reichste Prozent der Chinesen entfallen einer Erhebung der Credit Suisse zufolge fast ein Drittel des gesamten Wohlstands im Land. Ebenfalls ein Aspekt: Von den derzeit gut 1,4 Milliarden Chinesen müssen mehr als 600 Millionen - rein rechnerisch knapp 43 Prozent - nach wie vor mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 1.000 Yuan (132 Euro) auskommen.

200 Neo-Milliardäre im Vorjahr

Indes ist die Zahl der Milliardäre im Reich der Mitte im konjunkturell besonders turbulenten Corona-Jahr 2020 so rasant gestiegen wie nirgendwo sonst. Laut dem US-Magazin"Forbes" waren China mehr als 200 Milliardäre zuzurechnen, die binnen zwölf Monaten neu dazukamen. Einschließlich der Superreichen in den Sonderverwaltungsregionen Hongkong und Macao hatte die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zuletzt insgesamt 698 Milliardäre.

Als wichtigster Treiber der jüngsten Milliardärswelle gilt die Börsenhausse in China, der Höhenflug der Aktienkurse, der dort noch mehr Dynamik hatte als an vielen anderen internationalen Handelsplätzen. Wobei keiner mehr von diesem Boom profitieren konnte als Zhong Shanshan, dessen Vermögen "Forbes" auf 68,9 Milliarden Dollar, umgerechnet fast 59 Milliarden Euro, schätzt. Damit hat der 66-jährige Unternehmer Jack Ma, den Gründer des Amazon-Rivalen Alibaba, als reichsten Mann Chinas abgelöst. Milliarden strich Zhong ein, indem er im Vorjahr zwei seiner Unternehmen an die Börse brachte. Zunächst wurde im April sein Pharmakonzern Wantai Biological gelistet, dann folgte im September mit Nongfu Spring der größte Mineralwasserproduzent des Landes.