Neuer Ort, neues Konzept, viele Elektroautos und dann auch noch die erste öffentliche Großveranstaltung nach anderthalb Jahren Corona-Pandemie - die Automesse IAA ist in diesem Jahr in mehrfacher Hinsicht ein Experiment. Die Autoindustrie ist gespannt, wie ihre von 7. bis 12. September in München laufende Messe "IAA Mobility" beim Publikum ankommen wird.

Unter dem Druck sinkender Aussteller- und Besucherzahlen hat der veranstaltende Verband der Automobilindustrie (VDA) das Format radikal geändert: Die potenzielle Kundschaft muss nicht zur Messe kommen, sondern die Messe kommt zu ihnen mitten in die Stadt. Nicht mehr das Auto allein soll im Rampenlicht stehen, sondern auch elektrifizierte Zweiräder aller Art. Mit Probefahrten, Unterhaltung und kulinarischen Genüssen wandelt sich die IAA von der einst größten Autoschau zum Jahrmarkt rund um Mobilität.

Über das neue Messekonzept, ein Paket von Ausstellung, Kongress und Veranstaltungen in der Stadt, sind Experten geteilter Meinung. "Die IAA war bislang traditionell produktgeprägt, das war Auto pur", sagte Stefan Reindl, Chef des Instituts für Automobilwirtschaft in Nürtingen. "Jetzt wagt sie den Spagat von Automobilität und Mobilitätssystemen." Das Auto neben vielen E-Bikes zu zeigen und mit Diskussionen über den Stadtverkehr von morgen zu begleiten, könne zu Unschärfe in der Wahrnehmung des Publikums führen. Denn es gebe noch viele, die sich vor allem neue Autos anschauen wollten. "Ich bin nicht sicher, ob das Konzept am Ende aufgeht." Ein Manko sei, dass der Weltmarktführer Toyota oder die Stellantis-Gruppe mit Peugeot, Fiat und Opel fehlen.

Auch Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research sieht die "Messe, die keine mehr sein will", skeptisch. Wenn das Auto nicht mehr im Mittelpunkt stehe, verliere die einst größte Schau weltweit für internationale Hersteller den Sinn. Messen litten schon länger unter Bedeutungsverlust, weil die Autobauer nach dem Vorbild des IT-Konzerns Apple auf ihre eigenen Veranstaltungen setzten. "Das Experiment IAA birgt Risiken."

Blech ausstellen reicht nicht

Beifall zur IAA kommt hingegen von Peter Fuß von der Unternehmensberatung EY, die als Aussteller an der Messe teilnimmt. Die Veränderung der IAA sei überfällig gewesen, sagte Fuß. "Das reine Zurschaustellen von Blech reicht nicht mehr aus, das kommt bei Jung und Alt nicht mehr an." Der Verbraucher müsse eine neue Technologie wie das Elektroauto ausprobieren können. "Wenn es ein Publikumsmagnet wird, kommen vielleicht auch die Hersteller zurück, die dieses Mal nicht dabei sind." Ein mutiges Experiment, aber der richtige Weg sei die IAA, so Konrad Weßner, Chef der Puls Marktforschung. "Die IAA wird hoffentlich als Speerspitze der neuen Mobilität den Boden bereiten. Das wird Anhänger der bisherigen Autoschau vielleicht irritieren, aber Jüngere ansprechen, für die Klimaschutz wichtig ist."

Besucherzahlen prognostiziert der VDA nicht - die letzte IAA in Frankfurt 2019 hatte noch 560.000 Gäste, in Spitzenjahren war es etwa eine Million. Schon vor der Pandemie seien die Zeiten, in denen sich Hunderttausende durch Messehallen schoben, vorbei gewesen, sagte Axel Schmidt, Automotive-Experte des IT-Beraters Accenture. "Die Zeit der klassischen Automessen ist vorbei." Statt Massenpublikum seien Plattformformate gefragt, wie sie die IAA jetzt anbiete.

E-AUTOS ÜBERZEUGEN KLIMAAKTIVISTEN NICHT

Die Autoindustrie ist in einer kritischen Phase ihres historischen Umbruchs vom Verbrenner- zum klimaschonenden Elektroantrieb. Nach langem Zögern hat sie den Schalter umgelegt. "Die Automobilindustrie treibt den Wandel", erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller kürzlich. Die Unternehmen wollten einen klimaneutralen Verkehr spätestens 2050 erreichen. Auf der Messe wird das sichtbar mit vielen neuen E-Automodellen. So will Volkswagen bis auf ein Hybridmodell nur Fahrzeuge der vollelektrischen ID.-Familie zeigen. BMW stellt den i4 und das SUV iX in den Mittelpunkt. Mercedes-Benz wartet mit fünf Premieren von Stromfahrzeugen auf, vom Smart bis zum Ultra-Luxusmodell Maybach.

Klimaschützer, die mit Protesten bei der letzten IAA in Frankfurt viel Wirbel machten, überzeugt das keineswegs. Die damals zur IAA entstandene Initiative "Sand im Getriebe" will sich mit der Autoindustrie als "Rückgrat des deutschen Exportkapitalismus" anlegen. Es müsse Schluss sein mit immer dickeren Autos und falschen Versprechen von Elektromobilität. Unter dem Schlachtruf "#blockIAA" planen sie Aktionen. Ein Bündnis von Umweltorganisationen ruft unter dem Motto "#Aussteigen" zu einer Großdemonstration mit Fahrradsternfahrt für die Mobilitätswende am 11. September auf. Weitere Gruppen wie "noIAA" oder "SmashIAA" wollen ebenfalls aktiv werden.

Möglichkeiten zum Dialog sollen die Kritiker bei den geplanten Diskussionsforen finden, erklärte der VDA. Steigende Covid-Infektionszahlen sollen nicht zur Absage der IAA führen, aber die dann geltenden Auflagen zum Gesundheitsschutz müssten beachtet werden. Eine der Veranstaltungsbühnen wurde wegen der Abstandsvorschriften schon gestrichen. Nach einem Bericht der "Automobilwoche" schicken VW und Audi weniger Personal als ursprünglich geplant nach München. (apa)