In Bayern gibt es eine sehr genaue Vorstellung davon, wie die Landschaft auszusehen hat. Saftig grüne Wiesen wechseln sich mit hügeligen Wäldern ab. Kirchtürme piksen den weiß-blauen Himmel. Die Alpen erheben sich am Horizont. Weiße Rotorblätter, die sich über den Baumwipfeln drehen, sind in dieser Bilderbuch-Landschaft hingegen nicht vorgesehen.

In keinem anderen deutschen Bundesland geht der Windkraft-Ausbau langsamer voran. 770 neue Windräder wurden 2020 in ganz Deutschland genehmigt, lediglich drei davon in Bayern. Der Freistaat ist Schlusslicht beim Ausbau der Windenergie. Ein Grund dafür sind die deutlich strengeren Regeln für Windräder. Die Anlagen müssen mindestens das Zehnfache ihrer Höhe von Wohngebieten entfernt sein. Bei einem 200 Meter hohen Windrad sind das zwei Kilometer. "Flächen sind das entscheidende Nadelöhr", sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer vom Bundesverband Windenergie.

Windkraft wird vielerorts ausgebremst

Die Windkraft wird auch andernorts gebremst. Genehmigungen scheitern an der Akzeptanz der Bevölkerung. Anwohner befürchten Lärm, Schatten und ein verschandeltes Landschaftsbild. Dabei unterstützen viele Menschen die Windenergie - zumindest in der Theorie. 79 Prozent der Bevölkerung halten den Ausbau und die Nutzung von Windenergie am Land für wichtig, ergab zuletzt eine forsa-Umfrage 2020. Die Menschen wählen grün, kaufen im Bio-Laden ein und steigen vom Auto aufs Fahrrad. Doch vor der Haustür soll der saubere Strom nicht erzeugt werden.

Die Windkraft leistet mit 27 Prozent den größten Beitrag zur Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie. 30.000 Windräder drehen sich in Deutschland bereits. Doch sowohl beim Zubau als auch bei den Genehmigungen neuer Anlagen hakt es. Es mangelt an Flächen, Genehmigungen dauern mitunter mehrere Jahre, Betreiber streiten mit Umweltschützern über gefährdete Arten. Laut deutschem Umweltministerium sind 95 Gigawatt Windkraftleistung an Land notwendig, um die Klimaziele 2030 zu erreichen. Derzeit sind 54 Gigawatt installiert. "Wenn wir kontinuierlich 4700 MW pro Jahr zubauen, sind das mit der heutigen Anlagentechnologie 800 Anlagen pro Jahr", sagt Windlobbyist Axthelm. Doch auch bei Windrädern in Nord- und Ostsee ist das Ausbautempo dramatisch gesunken. Das nächste Problem: Der Strom muss von Nord nach Süd transportiert werden. Gegen die Stromtrassen gibt es aber ebenfalls Widerstand.

An der Windenergie führt kein Weg vorbei. Deutschland braucht sie, um seine Klimaziele zu verwirklichen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat die Regierung mit einer Entscheidung im März sogar dazu verpflichtet. Die Emissionen sollen bis 2030 um 65 Prozent sinken - die Ziele sind damit noch ambitionierter als in Österreich. 2045 will die Bundesrepublik klimaneutral sein.

Die Bundestagswahl am 26. September wird deshalb auch zu einer Klimawahl. Nie war die Klimafrage bei einer Wahl wichtiger, nie war sie präsenter in Medien und öffentlicher Meinung. Nach dem verheerenden Hochwasser im Rheinland rückte der Klimaschutz noch ein Stück höher auf der Agenda der wahlkämpfenden Parteien. Die neue Regierung muss dann beim Ausbau aufs Tempo drücken.

Deutschland steht vor einer gewaltigen Kraftanstrengung, sein Energiesystem zu transformieren. Ende 2022 werden die letzten verbliebenen Atomkraftwerke abgeschaltet. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt derzeit elf Prozent. Wenn sie wegfallen, braucht es also sehr rasch gewaltige Mengen an Strom. Denn in Wohnhäusern sollen künftig vermehrt Wärmepumpen laufen, an den Zapfsäulen Elektroautos hängen. Auch die für Deutschlands Export wichtige Industrie braucht sauberen Strom und grünen Wasserstoff, um Gas und Kohle zu ersetzen.

Im Gegensatz zu Österreich - wo 2020 das letzte Kohlekraftwerk eingestellt wurde - spielt Kohle in Deutschland noch eine gewichtige Rolle. In zehn Tagebauen wird derzeit noch Braunkohle gefördert. Bei ihrer Verstromung entstehen erhebliche Mengen CO2. 2038 soll damit spätestens Schluss sein. Das hat die schwarz-rote Regierung 2020 beschlossen. Doch manchen geht das nicht schnell genug. Die Spitzenkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, fordert im Wahlkampf bereits 2030 das Ende von Kohle. Ihre Kontrahenten, Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD), sind hingegen gegen einen früheren Ausstieg.

Hoher CO2-Preis macht Kohle unrentabel

Der Ausstieg könnte aber dennoch schon früher kommen als gedacht. Denn seit Monaten steigt der CO2-Preis im Europäischen Emissionshandel, zuletzt lag er erstmals über 60 Euro pro Tonne. "In dieser Größenordnung sind Kohlekraftwerke schon jetzt oft kaum noch wirtschaftlich", sagt Frank Steffe vom Think-Tank Agora Energiewende.

Zweifellos führt die Energiewende dazu, dass sich das Landschaftsbild ändern wird. "Die Energieproduktion rückt wieder näher an die Menschen heran", sagt Axthelm vom Windverband. Auch in Bayern. Weiß-blauer Himmel, grüne Wiesen und Wälder und eben auch weiße Rotorblätter gehören dann zur bayerischen Bilderbuchlandschaft.