Vor nicht allzu langer Zeit: "Wenn du mit dem Schlitten durch die Stadt fährst, die Fenster auf und die Anlage voll aufgedreht bis zum Anschlag. Das ist mehr als nur Autofahren, das ist ein Gefühl von Freiheit, das ist total geil." Dieser Satz stammt vom Schauspieler Til Schweiger in dem Film "Manta, Manta", der Anfang der 1990er Jahre den Mythos Auto zelebriert: Das Auto als Lebensgefühl, als ratterndes Dauerpolieren des eigenen Egos, als abgasgetriebenes Gefährt, mit dem Männer Frauen aufreißen.

Umweltschutz war hingegen etwas für schmächtige Ökos in Strickpullis und Ziegenbärten.

"Klimawandel wird die größte Herausforderung für die Menschheit." Und: "Immer mehr Menschen verstehen, dass wir jetzt handeln müssen." Das könnten Sätze sein, die Ökos von damals postulierten. Tatsächlich stammen sie aber von Herbert Diess, dem Konzernchef von Europas größtem Autobauer Volkswagen. Am Dienstag leitet er mit diesen beiden Sätzen seine Rede auf der 69. Internationalen Autoausstellung IAA ein, die erstmals in München stattfindet.

Doch damit nicht genug: "Bisher waren unsere Anstrengungen noch nicht konsistent genug, es kann sehr viel mehr gegen den Klimawandel getan werden", setzt Diess fort. Mit "unsere Anstrengungen" meint er auch tatsächlich den eigenen VW-Konzern.

Mit mehr als 10 Millionen verkauften Autos pro Jahr, als künftig zweitgrößter Lkw-Bauer weltweit und als Hersteller von rund 80 Prozent der Schiffsdieselmotoren auf den Meeren habe der Konzern die Verantwortung, seine CO2-Emissionen in all seinen Aktivitäten so schnell wie möglich zu senken, sagt Diess. Schließlich verursache der Transportsektor weltweit 16 Prozent aller CO2-Emissionen.

Einmal mehr betont er die starke Ausrichtung von VW auf batterieelektrische Autos. Von 2018 bis 2030 will VW den CO2-Gesamtausstoß seiner Fahrzeugflotte um 30 Prozent senken. Zudem will VW mit Europcar zu einem führenden Mobilitätsanbieter aufsteigen, der neben der Autovermietung auch Car-Sharing und Abo-Modelle im Angebot hat. Also weg vom Auto-Besitzer hin zum Auto-Benützer. Nachhaltig sein, ohne den Lebensstandard zu senken. Das sei möglich, sagt er.

VW-Chef: "Essen wir weniger Fleisch, es ist gesünder"

Dass es Diess mit dem Umweltschutz ernst meint, unterstreicht ein weiterer erstaunlicher Satz, der bisher undenkbar war: "Essen wir weniger Fleisch, es ist ohnehin gesünder", sagt er.

Ein Auto, das nicht nach Benzin riecht und still durch die Straßen kurvt, ist das noch geil?

Bisher fanden die Automessen immer in Frankfurt statt, jahrzehntelang: Dickbäuchige Konzernchefs stolzierten wie die Könige durch die Hallen, Cheerleader grinsten um die Wette, an den Buffets gab es fettige Bratwurst.

Der neue BMW, hergestellt aus Altmaterialen. - © Bernd Vasari
Der neue BMW, hergestellt aus Altmaterialen. - © Bernd Vasari

Vor zwei Jahren wurde dem Treiben plötzlich ein Ende gesetzt. Aktivisten erklommen die Dächer der ausgestellten BMW, und Radfahrer blockierten den Eingang. Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann machte schließlich den Deckel drauf: Er dankte den Demonstranten und sagte: "Frankfurt braucht mehr Busse und Bahnen, nicht mehr SUV."

Nach einer einjährigen Zwangspause durch die Corona-Pandemie beschloss die geschockte Autobranche den Umzug nach München, in die Stadt von Weißwurst, FC Bayern und BMW. Doch auch hier ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Die Pandemie beschleunigte den Trend in Richtung Umweltschutz, Demonstranten drohen: "Wir crashen die Greenwashing-Party der deutschen Autoindustrie", sagt Lou Winters, Sprecherin des Aktionsbündnisses "Sand im Getriebe". Denn: "Konzernchefs versuchen, sich ihre Emissionen schönzureden. Dabei ist klar: Autos sind Klimakiller und E-Autos eine dreckige Lösung. Dem stellen wir uns in den Weg."

"Wir crashen die Greenwashing-Party"

Die Autobranche ist daher zur Flucht nach vorne gezwungen: Statt weiblicher Cheerleader sorgen nun Fitnesstrainer mit schwarzen Hartgummibällen für die richtige Haltung, über 70 Fahrradhersteller wurden eingeladen und viele Veranstaltungen wurden von der Halle auf verschiedene Plätze in der Stadt verlegt.

"Die Entscheidungen in Richtung Umweltschutz sind gefallen", sagt auch Daimler-Chef Ola Källenius. Nun gehe es um die Umsetzung. Vier neue elektrische Modelle präsentiert der Konzern, "bis Ende des Jahrzehnts werden alle Autos elektrisch sein", kündigt er an. "Es gibt daher keinen Grund für einen Kunden, kein E-Auto zu kaufen."

Wie Källenius und Diess von VW möchte aber auch BMW-Chef Oliver Zipse seinen Konzern zum "nachhaltigsten Autohersteller der Welt" machen. Am Montag präsentierte BMW ein Fahrzeug, das zu 100 Prozent aus Altmaterial und nachwachsenden Rohstoffen gebaut wurde.

Die Karosserie besteht aus nicht lackiertem Aluminium und Stahl. Chrom, Doppelrahmen, Stege, Zierleisten und Dekors wurden weggelassen, das BMW-Logo einfach ins Metall gelasert. Wo Materialien aufeinandertreffen, sind sie mit Steckern und Schrauben verbunden, damit sie beim Abwracken des Autos leicht wieder getrennt und wiederverwendet werden können. Der "BMW i Vision Circular" sei nicht nur eine Designstudie, sondern "die Denkweise, mit der wir die neue elektrische Fahrzeugarchitektur ab 2025 entwickeln", sagt Zipse.

Eröffnet wurde die IAA von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Deutschland soll ein starker Automobilstandort bleiben", sagt sie. Mit den Vorstellungen von Til Schweiger wird dieser Standort jedoch wenig zu tun haben. Das Fahrzeug der Zukunft fährt automatisch, wird geteilt und ist umweltfreundlich.

Oder wie Francesco Starace, CEO des italienischen Stromerzeugers Enel, im Gespräch mit Diess sagt: "Das Auto wird eine Batterie auf Rädern."