Es sind nicht nur geschätzte 100.000 Lastwagenfahrer, die in Großbritannien fehlen, 68.929 Programmierer, 29.996 Köche sowie 6.364 Schreiner und Zimmermänner werden ebenfalls gesucht, gab das britische Statistikamt ONS am Dienstag bekannt. Zudem fehlen auch noch zehntausende Pflegekräfte.

"Diese Rekrutierungsschwierigkeiten werden die wirtschaftliche Erholung wahrscheinlich dämpfen, indem sie die Fähigkeit der Unternehmen einschränken, Aufträge zu erfüllen und die Kundennachfrage zu befriedigen", kommentierte dies Siren Thiru von der Britischen Handelskammer. Er ortet eine "akute Einstellungskrise".

Jüngste Daten untermauern diese Einschätzung: Im August fiel der Einkaufsmanagerindex von IHS Markit auf ein Sechsmonatstief, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im Juli im Vergleich zum Vormonat nur um 0,1 Prozent.

Problem: Jobs nicht attraktiv

Zwar treten Lieferschwierigkeiten infolge der durch die Corona-Pandemie fragilen Lieferketten weltweit auf, in Großbritannien wird dies allerdings durch den Brexit noch verschärft. Kein Binnenmarkt mehr bedeutet eben auch, kein einfacher Zuzug von Arbeitskräften aus der EU.

Zusätzlich setzt die konservative Regierung von Boris Johnson noch auf rigide Einwanderungsregeln, unter dem Motto "britische Jobs für Briten".

Das bedeutet für EU-Bürger, die im Vereinigten Königreich arbeiten wollen, ein Visum zu beantragen, das viel Geld und Aufwand kostet. Auf eigene Faust geht das kaum, potenzielle Arbeitgeber müssen dabei nämlich als Sponsoren auftreten.

Zudem wollen Briten die meist gering bezahlten Tätigkeiten, die zuvor Ausländer übernahmen, oft gar nicht ausüben.

Bis Ende September läuft in Großbritannien noch ein staatlich finanziertes Kurzarbeitsprogramm, danach müssten eine Million Menschen in ihre Jobs zurückkehren oder sich neue Arbeit suchen. Die Hoffnung besteht, dass dies den akuten Arbeitskräftemangel entschärfen wird.

Lösung: Blick nach Asien

Das britische Ministerium für internationalen Handel hat indessen schon eine Antwort auf die Arbeitsmarktprobleme parat: Man wolle die Handelspolitik künftig stärker auf aufstrebende Wirtschaftskräfte in Südost- und Ostasien ausrichten, gab Ressortchefin Liz Truss bekannt.

Tatsächlich könnten die Briten die Stärken des Commonwealth ausspielen, um Arbeitskräfte aus Asien zu importieren. Immerhin sind auch Indien, Pakistan, Bangladesch Mitglieder in dem Bündnis, das einst aus ehemaligen Kolonien geschmiedet wurde. Heute gehören dem Commonwealth mehr als 50 Nationen an.

Ohnehin werde sich die weltweite Nachfrage nach britischen Digital- und Finanzdienstleistungen in den kommenden zehn Jahren verdoppeln, prognostiziert Truss und kündigte bereits ein "globales Netzwerk von Handelsabkommen der nächsten Generation" an. Sie machte die jahrzehntelange britische EU-Mitgliedschaft für eine "defensive" Haltung verantwortlich. "Verständlicherweise haben wir nach 50 Jahren in der protektionistischen EU vergessen, welche Handelsmacht wir waren", so die Ministerin.

Zollkontrollen verschoben

Angesichts der Warenknappheit gibt es aber auch schnellere Lösungen, um die Regale auf der Insel wieder zu befüllen: Großbritannien verschiebt nun einfach die Einführung von Kontrollen von Waren-Importen wie etwa Lebensmitteln aus der EU auf 2022.

Als Grund nannte Brexit-Minister David Frost am Dienstag, dass Firmen wegen der Folgen der Corona-Krise und der damit zusammenhängenden Materialengpässe unter Druck stünden und mehr Zeit zur Vorbereitung benötigten. Die Regierung hatte den ursprünglich geplanten Start der Zollkontrollen zuvor bereits um sechs Monate auf Oktober verschoben.

Britische Zölle auf EU-Importe sind seit dem Brexit zudem deutlich gestiegen. Unternehmen und Verbraucher hätten zwischen Jänner und Juli 2021 rund 2,2 Milliarden Pfund (etwa 2,6 Milliarden Euro) an Zollgebühren bezahlt. Das ist ein Anstieg von 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, geht aus einer Auswertung von Regierungsdaten hervor, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft UHY Hacker Young am Montag veröffentlichte.

Die Situation könnte sich ab Oktober noch weiter verschärfen, wenn ein neues Importverbot für Lebensmittel wie gekühltes Faschiertes greift. Bereits heute werden lange Warteschlangen an den Grenzen befürchtet.

Die britische Wirtschaft ist insgesamt schwach in das zweite Halbjahr 2021 gestartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im Juli um 0,1 Prozent gegenüber dem Vormonat, teilte das Statistikamt ONS am Freitag mit. Die gesamte Wirtschaftsleistung liegt damit 2,1 Prozent unter dem Niveau von vor der Corona-Pandemie.(red.)