Die Mikrochip-Krise ist noch nicht ausgestanden. Die in der Corona-Pandemie explodierende Nachfrage nach den aufwendig herzustellenden kleinen Teilchen hat einen Mangel erzeugt, der die verarbeitende Industrie und in der Folge auch die Verbraucher noch lange begleiten wird. Zudem legen immer wieder Naturkatastrophen die Produktion lahm. Wie anfällig die weltweiten Lieferketten sind, hat nicht zuletzt auch die Blockade des Suezkanals durch das Containerschiff "Ever Given" im März dieses Jahres gezeigt, das andere Schiffe mit Rohstoffen für die Halbleiterindustrie an Bord an der Weiterfahrt hinderte.

Vor allem die europäischen Autohersteller werden durch die Knappheit bei Mikrochips ausgebremst. So hieß es zuletzt von der Volkswagen-Tochter Skoda, man könne heuer wegen fehlender Halbleiter 100.000 Autos nicht bauen. Es gibt nur eine Lösung, so die einhellige Meinung: Kapazitäten ausbauen und neue Chipfabriken errichten. Der US-Halbleitergigant Intel ließ in diesem Zusammenhang unlängst mit der Ankündigung aufhorchen, bis 2030 acht riesige Chipfabriken an einem Standort in Europa bauen zu wollen. Von etwa zehn Kandidaten sollen sich mehrere in Deutschland befinden. Vorstandschef Pat Gelsinger spricht von Investitionen von bis zu 80 Milliarden Euro in Europa.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will ein eigenes europäisches Wirtschaftssystem für Mikrochips aufbauen. - © afp / Yves Herman
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will ein eigenes europäisches Wirtschaftssystem für Mikrochips aufbauen. - © afp / Yves Herman

Der Halbleiterproduzent Infineon eröffnet am Freitag am Standort Villach im Beisein hochrangiger Vertreter aus Wirtschaft und Politik seine neue Hightech-Chipfabrik für Leistungselektronik auf 300-Millimeter Dünnwafern. Mit der insgesamt 1,6 Milliarden schweren Investition erweitert Infineon die Produktionskapazitäten für weltweit stark nachgefragte Energiesparchips, die einen konkreten Beitrag zum Erreichen der Klimaziele beitragen, heißt es.

"Kein digitales Leben ohne diese Chips"

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will ein europäisches Wirtschaftssystem für Mikrochips aufbauen. Damit solle der Halbleitermangel angegangen und die Unabhängigkeit Europas gestärkt werden. Nachdem europäische Firmen die Produktion der Chips aus Kostengründen nach Asien ausgelagert haben, sollen diese wieder verstärkt in Europa produziert werden.

"Ja, ich weiß, dass dies eine gewaltige Aufgabe ist, keine Frage", sagte sie bei ihrer Rede zur Lage der EU in Straßburg. Derzeit ist Europa etwa auf Importe aus Asien angewiesen. Hierzu solle auch ein Gesetz vorgestellt werden. Konkrete Details zum Gesetzesvorschlag nannte die Kommissionschefin nicht. Trotz weltweit steigender Nachfrage sei der europäische Anteil an der Wertschöpfungskette geschrumpft, so von der Leyen. Es gebe "kein digitales Leben ohne diese Chips". Und aufgrund des Halbleitermangels gebe es ganze Produktionslinien, die mit reduzierter Leistung arbeiteten.

Die EU hat schon im März angekündigt, die Produktion von Mikrochips bis 2030 verdoppeln zu wollen: 20 Prozent der Mikrochips weltweit sollen dann aus der EU kommen. Derzeit sind es 10 Prozent. Die Lücke zur Konkurrenz aus den USA und vor allem Asien zu schließen, wird noch vieler Anstrengungen bedürfen. Bei der Versorgung mit Halbleitern sei kurzfristig nicht mit einer Erholung zu rechnen, so die Unternehmensberatung PwC. Der Ausbau von Halbleiter-Produktionsanlagen dauere bis zu zwei Jahre, der Bau neuer Werke sogar fünf Jahre.

Intel-Chef Gelsinger hat sich jedenfalls schon mit Vertretern der EU-Kommission wie dem Binnenmarktkommissar Thierry Breton, aber auch mit Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen. Falls er die Super-Fabrik in Deutschland bauen soll, will er dafür Subventionen in Milliardenhöhe haben.

Die deutsche Bundesregierung setzt sich seit Jahren für die Förderung der Halbleiterindustrie in Europa ein. Deutschlands Wirtschaftsminister Peter Altmaier schrieb schon Anfang des Jahres einen Brief an Taiwans Regierung und bat um Hilfe bei der Chipversorgung. Sein Brief zielte zwar nur darauf ab, kurzfristige Engpässe aufzufangen, es zeigt aber auch das Dilemma, vor dem die EU steht.

Halbleiterexperten von McKinsey haben sich gegen milliardenschwere Investitionen in Halbleiterwerke in Europa ausgesprochen. Es sei zu teuer und zu wenig erfolgversprechend, die allermodernsten Produktionsverfahren in der EU aufzubauen, warnte die Beratungsgesellschaft in einer Studie. Die gesamte europäische Autoindustrie des Kontinents würde im Jahr 2024 lediglich zwei Prozent der fortschrittlichsten Chips weltweit nachfragen. Für diesen geringen Bedarf würden sich Werke, die zehn Milliarden Dollar und mehr kosten, schlicht nicht lohnen. Stattdessen sollte die EU die Fertigung jener Chips fördern, die von der europäischen Industrie tatsächlich benötigt würden - und das seien nicht die höchstintegrierten Bauelemente.

Infineon-Chef Reinhard Ploss sieht die EU-Pläne ebenfalls skeptisch. "Wenn man sich für eine Zwei-Nanometer-Fabrik in Europa entscheidet, würde ich mich fragen, wer die Kunden dafür sein sollen", sagte Ploss in einem Zeitungsinterview. "Handy-Hersteller? Davon gibt es in Europa nicht mehr so viele. Computer-Produzenten? Wir mögen hier Computer nutzen, aber wir bauen sie nicht." (ede)