Glücksforscherin, Unternehmensberaterin und Bestsellerautorin Maike van den Boom ist durch die 13 glücklichsten Länder gereist und ist nach Schweden gezogen, dorthin, wo die Menschen am glücklichsten sind. Was man über seinen Job wissen sollte, wie er Spaß macht und wann man von der Arbeit besser nach Hause gehen soll, erklärt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung":

"Wiener Zeitung": Frau van den Boom, gehen Sie jeden Tag gerne zur Arbeit?

Maike van den Boom: Ja, natürlich. Ich habe mir den Job aber auch selbst geschaffen. Glücksforscherin ist ja ein geiler Job, sagen die Leute immer. Dann antworte ich: Dann mach halt auch. Ich habe den Job nicht gelernt, ich habe es einfach gemacht.

Das klingt jetzt einfacher, als es wahrscheinlich ist. Sie müssen am Ball bleiben, schreiben viele Artikel und Bücher, beraten und halten Vorträge. So ein Leben als Selbstständige klingt nach viel mehr Arbeit, als wenn Sie angestellt wären und zu einer fixen Uhrzeit Feierabend machen könnten.

Das stimmt schon. Die Forschung hat herausgefunden, dass Selbstständige mehr arbeiten, aber viel mehr Spaß haben und glücklicher sind. Denn ich kenne den Sinn, von allem, was ich in meinem Job mache. Jetzt muss man nicht unbedingt selbstständig sein, um gerne in die Arbeit zu gehen. Es geht um das Warum. Wenn Menschen nicht wissen, warum sie ihren Job machen, werden sie unglücklich. Das gilt nicht nur für den Job. Wenn man etwas tut und sich dabei fragt: Warum mache ich das eigentlich?, wird man sehr schnell sehr schlechte Laune bekommen.

Wie ist es möglich, dass Menschen den Sinn ihrer Arbeit nicht kennen?

Es wird ihnen nicht erklärt und sie können es auch nicht selber erschließen, weil sie den Mund nicht aufmachen dürfen. Sie sollen einfach nur ihren Job machen. Natürlich müssen manche Dinge einfach getan werden, wichtig ist aber, dass man weiß, warum man es tut. Wenn es allerdings nur Dinge sind, die keinen Spaß machen, dann sollte man wirklich überlegen, ob es nicht besser wäre, den Job zu wechseln. Die positiven Dinge sollten im Job überwiegen.

Was ist nötig, damit ein Arbeitstag gut anfängt?

Es ist gut, wenn man sich in der Früh ein Ziel für den Tag setzt. Das können aber auch langfristige Ziele sein. Ich möchte mir zum Beispiel irgendwann ein Häuschen im Grünen leisten, und dafür mache ich jetzt diesen Job. Egal, ob klein oder groß, ein positives Zielbild sorgt für gute Laune. Und, wenn man trotzdem schlecht drauf ist, dann kann ein Spaziergang an der frischen Luft helfen. Jedenfalls sollte man dann irgendetwas anderes machen.

Schweden und Österreich sind sehr ähnlich, was ihren Reichtum und Wohlstand betrifft. Nur in Österreich heißt es: Was soll aus einem Tag werden, der mit Aufstehen anfängt. In Skandinavien ist man da zuversichtlicher. Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland zählen zu den glücklichsten Ländern der Erde. Woran liegt das?

In Skandinavien gibt es keine strenge Trennung zwischen Arbeit und privat. Das greift ineinander. Man kann etwa in der Früh seine Kinder in die Schule bringen und fängt etwas später an. Viele Paare trennen sich auch. Dann ist es selbstverständlich, dass die Kinder abwechselnd eine Woche beim Vater und eine Woche bei der Mutter sind. In der Woche, wo man die Kinder hat, arbeitet man weniger, in der Woche ohne Kinder, arbeitet man mehr. Veränderung, Freiheit und Flexibilität sind in Skandinavien sehr wichtig.

Wie gehen die Unternehmen damit um?

Die Unternehmen bauen sich rund um die Mitarbeiter und fügen sich ein. Das Leben der Mitarbeiter geht sie etwas an, weil der Mensch im Mittelpunkt steht. Wenn das Leben der Mitarbeiter funktioniert, funktioniert es auch in der Arbeit, und umgekehrt.

Soll man immer erreichbar sein?

Das Unternehmen will, dass es dem Mitarbeiter gut geht. Es kann daher jeder für sich festlegen, wann er erreichbar ist. Gleichzeitig geht es aber auch um Kommunikation und Transparenz. Der Mitarbeiter und das Unternehmen stehen im Dialog. Wenn der Mitarbeiter nicht erreichbar sein will, dann teilt er das mit.

Transparenz ist in Schweden sehr ausgeprägt. Sogar die Einkünfte sind für jeden sichtbar. Ist das nicht ein bisschen viel Offenheit?

Wenn alles bekannt ist, dann ist es auch nicht mehr so interessant. Weiters gibt es einen Grundsatz, der besagt, dass niemand besser ist als der andere. Man spricht niemanden mit Titel an, sondern mit dem Vornamen. Die Gehaltsschere ist auch nicht so groß, weil ja alle ungefähr dasselbe verdienen sollen. Transparenz wird vor allem dann unangenehm, wenn man etwas zu verbergen hat.

Woher kommt dieses starke Gemeinschaftsgefühl?

In Schweden gehen alle Kinder bis zum 15. Lebensjahr in eine gemeinsame Schule. Der künftige CEO und der, der später die Treppen putzt, besuchen die gleiche Klasse. Es geht von Anfang darum, für sich und die anderen Verantwortung zu übernehmen.

Was meinen Sie?

Die Kinder werden agil erzogen, weil wir nicht wissen, was sie für eine agile Welt vorfinden werden, welche Jobs es dann noch gibt. Es geht also darum, dass sich jeder als Persönlichkeit immer weiter entwickeln kann. Das ist in Skandinavien tief verankert und hat eine lange Geschichte.

Wie kam es dazu?

Herder, Schiller, Goethe, Pestalozzi und wie sie alle hießen, kamen mit ihren tollen Ideen, dass wir uns alle weiter entwickeln sollten. In Deutschland oder Österreich hat das nicht gefruchtet. Bismarck und Metternich wollten die Bürger klein halten. Die Skandinavier fanden den Gedanken hingegen gut und haben ihn mitten unters Volk getragen. Die erste Volkshochschule wurde 1844 in Dänemark gegründet, vor allem für die traditionell weniger gebildeten Menschen auf dem Lande. Junge Bauern und Arbeiter sollten sechs Monate in einer Art Internat verbringen, wo sie über die neuesten Entwicklungen in Landwirtschaft, aber auch über Geschichte, Politik und Werte unterrichtet wurden. Sie lernten Fragen zu stellen, zuzuhören, zu diskutieren, selbst zu denken und zu verstehen. Damit sie starke Persönlichkeiten werden, damit sie mit der komplexen Welt umgehen können. Bereits seit 2006 gibt es daher auch Laptops in den Schulen. Wenn du nicht weißt, wie die Welt funktioniert, dann wirst du zum Opfer und kannst keine Verantwortung übernehmen.

Gleiche Chancen, Wissen, Agilität, Kommunikation auf Augenhöhe. Kann man sich aus der Gemeinschaft auch einmal zurückziehen? Ist es ok, dass man mal seine Ruhe haben will?

Das kann man ja selber bestimmen. Wichtig ist, dass man den Mund aufmacht und sich jeder auskennt. Die Unternehmen sind an deiner Persönlichkeit interessiert, weniger an deiner Ausbildung. Man kann der Beste sein, wenn man aber nicht von der Persönlichkeit zu einem Unternehmen passt, dann wird man den Job nicht bekommen.

Was macht man bei Durchhängern, wenn man an einem Tag einmal nichts zusammenbringt?

Wenn man kommuniziert, dass man einen Durchhänger hat, dann lautet in Skandinavien die Antwort: ’Das ist sehr nett von dir, dass du das mit mir teilst. Dann weiß ich das, kann vielleicht etwas übernehmen, wir können gemeinsam eine Lösung finden.’ Es ist voll ok, wenn man Fehler macht. Man sagt dann auch nicht, das war schlecht, sondern, das kannst du besser. Und wenn an einem Tag gar nichts geht, ist es auch ok, wenn man einfach nach Hause geht.

Weniger arbeiten, mehr schaffen. Was halten Sie von der 35- oder gar 30-Stunden-Woche?

Das klingt ja so, als ob Arbeit etwas Furchtbares wäre. In Skandinavien ist Arbeit etwas Positives. Durch die Arbeit trägst du was zur Gesellschaft bei. Abgesehen davon, was ist Zeit? Wenn man gut drauf ist, wird man seine Arbeit schneller erledigen. Dann gibt es wieder Tage, wo man für die selbe Arbeit fünf Mal länger braucht. In Skandinavien lebt man daher Flexibilität. Wenn mal was nicht so gut klappt, macht man was Anderes und setzt sich am Abend wieder hin.

Wann wissen Sie, dass es ein guter Tag war?

Es war ein guter Tag, wenn ich etwas erledigt habe, wovon ich denke, das war wichtig. Es war auch ein guter Tag, wenn ich am Abend einen Film mit meiner Tochter anschaue, oder wenn ich noch schwimmen gegangen bin.

Und auf den Job bezogen?

Schwimmen gehen ist auch Arbeitszeit. Da bekommt man den Kopf frei und man hat die besten Ideen.