Jüngste Signale der US-Notenbank Fed deuten auf ein zügiges Verlassen des pandemiebedingten Krisenmodus hin. Eine erste Leitzinserhöhung könnte es mit Blick auf eine anziehende Konjunktur somit schon 2022 geben, wie nach dem Fed-Meeting am Mittwoch zu hören war. Davon geht inzwischen jedenfalls die Hälfte der Fed-Mitglieder - neun von 18 - aus, im Juni waren es erst sieben. Gleichzeitig ist innerhalb dieses Zirkels auch die Zahl der für 2023 erwarteten Zinsanhebungen gestiegen - von zwei auf drei. "Die Linie, die die US-Notenbank da eingeschlagen hat, ist etwas in Richtung Restriktion gegangen", sagt die Chefanalystin der Bank Austria, Monika Rosen-Philipp. "Die Erwartungen der Fed-Mitglieder sind straffer geworden."

Indes halten die Vermögensverwalter der global tätigen DWS Group das Szenario einer ersten Zinserhöhung, zu der es früher kommen könnte als gedacht, nicht unbedingt für sehr realistisch. Zumal es aus den Zinsprognosen der Notenbank resultiere und sich diese in der Vergangenheit als "nicht besonders zuverlässig" erwiesen hätten. Auch in der Bank Austria wird damit gerechnet, dass die Fed erst im Jahr 2023 beginnen wird, an der Zinsschraube zu drehen.

In der Pressekonferenz nach dem Meeting war Notenbank-Chef Jerome Powell denn auch bemüht, die Erwartungen in Richtung baldiger Zinsanhebungen zu dämpfen. Vorerst bleibt der Leitzins in den USA also weiter in der niedrigen Spanne von 0,00 bis 0,25 Prozent.

Kleinere Zentralbanken haben Zinsen schon erhöht

Wesentlich kleinere Notenbanken haben unterdessen angesichts einer wieder auf Touren kommenden Konjunktur und gestiegener Inflation bereits erste Zinsschritte gesetzt. Mit Norwegen ließ am Donnerstag ein weiteres Industrieland die Nullzinspolitik hinter sich, indem der Schlüsselzins von seinem Rekordtief bei 0,00 Prozent auf 0,25 Prozent erhöht wurde. Zuvor hatten schon die Notenbanken in Tschechien, Ungarn, Südkorea und Island ihre Geldpolitik gestrafft.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) rüttelt hingegen nicht an den Zinsen und setzt damit ihre sehr expansive Geldpolitik fort, obwohl die Erholung der Wirtschaft von der Corona-Krise auch in der Schweiz große Fortschritte macht. Konkret belässt sie ihren Leitzins bei minus 0,75 Prozent, wie sie am Donnerstag mitteilte. Zudem betonte die SNB, bei Bedarf weiterhin am Devisenmarkt zu intervenieren. Der Franken sei nach wie vor "hoch bewertet".

Ihrer lockeren geldpolitischen Linie bleibt vorerst auch die Bank von England treu - trotz eines rasanten Anstiegs der Verbraucherpreise, von dem auch Großbritannien zuletzt nicht verschont blieb. Sie beließ den Leitzins am Donnerstag bei 0,1 Prozent und hielt daneben auch am Volumen ihres laufenden Wertpapier-Kaufprogramms von 895 Milliarden Pfund (gut 1,04 Billionen Euro) fest.

In der Eurozone scheint eine Zinswende unterdessen in weiter Ferne zu liegen. Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte demnach noch für längere Zeit in Stein gemeißelt sein - und das, obwohl die Verbraucherpreise im Euroraum im August mit durchschnittlich drei Prozent so stark gestiegen wie seit 2011 nicht mehr. Der wohl triftigste Grund: Einige Euroländer, darunter vor allem Italien, können ihre horrenden Haushaltsdefizite nur dann finanzieren, wenn die Zinsen nahe null Prozent bleiben.

Bahnt sich innerhalb der EZB ein Meinungsschwenk an?

Allerdings hat die EZB Anfang September angekündigt, das Tempo ihrer Krisen-Anleihekäufe "maßvoll" drosseln zu wollen, ein nahes Ende der zur Überwindung der Corona-Krise bestimmten Notfallhilfen gleichzeitig jedoch verneint. Am Gesamtumfang des 1,85 Billionen Euro schweren Programms, das die Liquidität der Finanzmärkte verbessern und die Bereitstellung von Krediten für Haushalte und Firmen erleichtern soll, ändert sich somit nichts. Bis Jahresende soll die Wirtschaft in der Eurozone, die heuer um fünf Prozent wachsen sollte, wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen, so das erklärte Ziel.

Doch inzwischen sollen die Währungshüter der EZB aufgrund der erhöhten Inflationsrisiken über ein Abschalten ihres Krisenprogramms im Frühjahr nachdenken. Nach Informationen der britischen Nachrichtenagentur Reuters halten viele Notenbanker die EZB-Projektionen zur Inflation für zu niedrig gegriffen. Darin wird für heuer eine Teuerungsrate von lediglich 2,2 Prozent unterstellt, die 2022 auf 1,7 Prozent fallen soll.

Fed will bis Mitte 2022 aus Anleihekäufen aussteigen

Die Fed ist da schon etwas weiter als die EZB. Nach ihrer Einschätzung wird die US-Wirtschaft nach dem Corona-Einbruch dieses Jahr mit plus 5,9 Prozent und 2022 mit plus 3,8 Prozent solide wachsen, gleichzeitig sieht sie die Inflation für 2021 bei 4,2 Prozent und für das kommende Jahr bei 2,2 Prozent. Vor diesem Hintergrund stellte die Fed am Mittwoch in Aussicht, ihre Wertpapierkäufe, die sich monatlich auf 120 Milliarden Dollar (102,4 Milliarden Euro) belaufen, "bald" drosseln zu wollen. Laut Fed-Chef Powell könnte die Entscheidung, wann sie damit beginnt, schon beim kommenden Treffen Anfang November fallen. Insgesamt halte man eine schrittweise Abschmelzung der Käufe für angemessen, die Mitte 2022 abgeschlossen werden könnte.

"Überraschend haben die Börsen das sehr ,cool‘ zur Kenntnis genommen", sagt Analystin Rosen-Philipp. "Die Rückkehr zur Normalität wird positiv interpretiert." Weltweit lagen die meisten Aktienbörsen am Donnerstag deutlich im Plus.