In der Finanzwelt steigt die Furcht vor einem Crash des hoch verschuldeten Immobiliengiganten Evergrande. Der chinesische Konzern ließ eine am Donnerstag fällig gewordene Zinszahlung bei einer Übersee-Anleihe kommentarlos ausfallen. Der Aktienkurs von Evergrande brach am Freitag um 11,6 Prozent ein.

Chinas zweitgrößter Immobilienentwickler hat Schulden von 305 Milliarden US-Dollar, umgerechnet mehr als 260 Milliarden Euro, aufgetürmt. Experten befürchten, dass ein Kollaps schwere Folgen für das chinesische Finanzsystem haben könnte. Investoren hoffen auf ein Eingreifen der Regierung in Peking.

Fällig geworden war eine Zinszahlung in Höhe von 83,5 Millionen Dollar. Die Inhaber der Anleihe hätten aber weder das Geld noch eine Nachricht des Unternehmens erhalten, sagten zwei mit der Sache vertraute Personen. Für Evergrande beginnt nun eine 30-tägige Nachfrist, nach der der Konzern offiziell in Verzug geraten würde. Unklarheit herrschte vor dem Wochenende auch über Zinszahlungen von 47,5 Millionen Dollar, die in den kommenden Tagen fällig werden.

Zinsen für einen heimischen Bond hatte Evergrande zuletzt bedient. "Die Regierung in Peking denkt sich wohl, dass sie Gläubiger aus dem Ausland anders behandeln kann", sagte Karl Clowry, Partner beim Brokerhaus Addleshaw Goddard.

Die chinesische Zentralbank pumpte erneut Geld in das Bankensystem, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Vonseiten der Regierung kam aber bisher nichts Offizielles zu möglichen Staatshilfen. Das "Wall Street Journal" hatte unter Berufung auf Insider berichtet, Behörden in Peking hätten Lokalregierungen darum gebeten, Vorbereitungen für einen möglichen Zusammenbruch Evergrandes zu treffen.

"Die Regierung in Peking wird wohl versuchen, größere Verwerfungen zu verhindern und vor allem die Verluste der chinesischen Bevölkerung in Grenzen zu halten", meinte LBBW-Analyst Frank Klumpp. Für eine Restrukturierung hat Evergrande Finanzberater engagiert.

Sogwirkung droht

Einzelne Banken in China stoppten die Kreditvergabe für Immobilienentwickler. "Es wird davon ausgegangen, dass nicht nur Evergrande, sondern auch einige andere Entwickler am Rande einer Liquiditätskrise oder sogar einer Insolvenz stehen", sagte ein Insider bei der Bank of Shanghai. Für Bauprojekte in weniger populären Städten sei es viel schwieriger geworden, Darlehen zu bekommen, sagte eine andere Person beim Vermögensverwalter Huarong. Andere Banken verlangten inzwischen mehr Sicherheiten. Rund 30 Prozent des gesamten Kreditvolumens chinesischer Finanzinstitute entfielen zuletzt auf den Immobilienbereich, wie Daten der Zentralbank zeigen.

"Je länger die Politik wartet, bevor sie handelt, desto höher ist das Risiko einer harten Landung", warnten Analysten der Bank Société Générale. "Wir sind besorgt über die möglichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft."

Bei Evergrande arbeiten rund 200.000 Menschen, mehrere Millionen Arbeiter werden jährlich für Bauprojekte angeheuert. Außerdem haben viele Kleinanleger Geld in Evergrande-Finanzprodukte investiert. Manche von ihnen hatten vor ein paar Tagen die Zentrale des Unternehmens gestürmt und ihr Geld zurückverlangt. Analyst Jackson Chan vom Online-Broker Bondsupermart erwartet, dass Evergrande die 30-tägige Frist nun voll ausnutzen wird, um mögliche Unterstützung des Staats abzuwarten.

EZB-Chefin beruhigt

Die Europäische Zentralbank hat am Freitag beruhigende Signale in die Märkte geschickt. Die Probleme von Evergrande seien auf China zentriert, sagte EZB-Chefin Christine Lagarde dem TV-Sender CNBC. "Für Europa kann ich sagen, dass das direkte Engagement begrenzt ist." Die EZB schaue sich die Situation aber an.

Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, hatte zuletzt erklärt, mögliche Folgen für US-Unternehmen durch die Schuldenprobleme von Evergrande seien begrenzt. Dagegen warnte die Schweizer Notenbank SNB davor, die Situation zu verharmlosen und es als lokales Problem in China zu betrachten. (reuters/kle)