Vor allem wegen der akut zugespitzten Schuldenprobleme bei Evergrande war China zuletzt wiederholt in den Schlagzeilen. Doch viel schlimmer als ein Kollaps des Immobilienriesen, der wohl Domino-Effekte zur Folge hätte und den nationalen Bankensektor auf eine harte Probe stellen würde, könnte für das mit 1,44 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Welt dessen aktuelle Stromkrise sein.

So zumindest lautet die Einschätzung von Analysten internationaler Finanzhäuser, nachdem es kürzlich immer wieder zu Engpässen bei der Versorgung mit Elektrizität gekommen ist. Die Energiekrise hätte auf die chinesische Wirtschaft somit weit größere Auswirkungen als ein Zusammenbruch von Evergrande, wie es heißt.

Dass im Reich der Mitte Strom derzeit knapp ist, hat mehrere Gründe. Dazu zählen die verschärften Klimaziele, die Peking inzwischen verfolgt, und die lieferbedingt geschrumpften Bestände an Kohle, mit der landesweit noch viele Kraftwerke befeuert werden, aber auch der momentan extrem hohe Energiebedarf der Industrie, die aufgrund von Corona-Nachholeffekten Aufträge aus aller Welt abarbeiten muss.

Auch Apple-Zulieferer betroffen

Investoren sind beunruhigt. Mit Blick auf die teils massiven Produktionseinschränkungen, die wegen der stotternden Stromversorgung notwendig geworden sind, wächst nun die Sorge, dass das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik, die sich von der Viruskrise bereits gut erholt hatte, weiter an Fahrt verliert. Chinesische Zulieferer von Weltkonzernen wie Apple und Tesla waren von den Stromengpässen ebenfalls betroffen.

"Der Stromversorgungsschock der zweitgrößten Volkswirtschaft und der größten herstellenden Industrie der Welt wird sich auf die globalen Märkte ausbreiten und sich auf sie auswirken", sagen denn auch die Analysten des japanischen Bankhauses Nomura. Für Chinas Wirtschaft haben sie ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr bereits nach unten korrigiert - von 8,2 auf 7,7 Prozent.

Das Land der Superlative steht indes unter Druck, mehr als bisher zur Senkung seiner Emissionen zu tun. China gilt als weltweit größter Produzent von Kohlendioxid und anderen umweltschädlichen Gasen. Inwieweit der asiatische Staat seine Emissionen verringern kann, wird als entscheidend im globalen Kampf gegen den Klimawandel gesehen.

Staatschef Xi Jinping hatte im Vorjahr auf einem UNO-Klimagipfel verkündet, dass China seine CO2-Emissionen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts bis 2030 um mehr als 65 Prozent gegenüber dem Niveau von 2005 senken werde. Vor diesem Hintergrund hat Peking das Ziel ausgegeben, den Verbrauch von Strom, den vor allem Kohlekraftwerke erzeugen, heuer um drei Prozent zu reduzieren.

Allerdings haben im ersten Halbjahr lediglich 10 von 30 Provinzen des Landes ihre Einsparvorgaben umsetzen können. Deshalb gab es zuletzt vielerorts Handlungsbedarf, der sich in rationierten Strommengen äußerte. Dadurch ist nicht nur Wirtschaftsbetrieben der Strom abgedreht worden, sondern auch Privathaushalten.

Just zum falschen Zeitpunkt

Dass gerade jetzt viele Provinzen, darunter auch die Industriezentren Guangdong, Zhejiang und Jiangsu, wesentlich stärker auf die Tube drücken, um ihre Vorgaben doch noch zu erreichen, kommt freilich für die Gesamtwirtschaft des Landes zur Unzeit. Viele Unternehmen, die auf einem prall gefüllten Auftragspolster sitzen, können infolge der verschärften Verbrauchsbeschränkungen nicht so agieren, wie sie gerne wollten. Das wiederum sorgt für Engpässe in den Lieferketten und verschärft die Probleme nicht nur in China selbst, sondern auch rund um den Erdball.