Es war eine Ansage, mit der damals kaum jemand gerechnet hatte. Knapp drei Monate bevor sich die EU im Dezember 2020 mit minus 55 Prozent bis 2030 ein nochmals schärferes CO2-Reduktionsziel verordnet hat, skizzierte der chinesische Staatschef Xi Jinping bei der virtuellen UN-Generalversammlung den Weg der Volksrepublik zur Klimaneutralität im Jahr 2060. Bis 2030 sollten die Emissionen zwar noch ansteigen, aber im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum bereits weniger werden. In den Jahren danach soll es dann auch nach absoluten Zahlen zu einer spürbaren Reduktion des Treibhausgasausstoßes kommen.

Dass die Regierung in Peking die internationale Gemeinschaft bei am 31. Oktober beginnenden Weltklimagipfel im schottischen Glasgow auf ähnliche Art und Weise überrascht, scheint dagegen nahezu ausgeschlossen. Laut der "Times" hat Xi bereits den als Gastgeber fungierenden britischen Premier Boris Johnson darüber informiert, dass er der zwei Wochen dauernden Mammutveranstaltung fernbleiben wird. Als größter globaler Klimasünder dürfte China damit in Schottland maximal auf Ministerebene vertreten sein, wenn nicht sogar nur mit einem hohen Beamten als Delegationsleiter.

Dass Xi nicht nach Glasgow kommt, dürfte vor allem damit zu tun haben, das die Regierung in Peking inmitten der derzeit überall in China spürbaren Energiekrise keine Diskussion über neue und verschärfte Klimaziele führen will. Wenn im eigenen Land die Ampeln und Handynetze wegen Stromknappheit ausfallen, hält sich auch die mächtige Kommunistische Partei, die ja einen Großteil ihrer Legitimation daraus zieht, dass sie für stabile Verhältnisse sorgt, lieber mit Ankündigungen im Ausland zurück.

Kohleimporte gesunken

Hintergrund der Energiekrise ist, dass in der Volksrepublik die Fabriken bereits wieder auf Hochtouren laufen, um nach der Corona-Krise Bestellungen aus aller Welt abzuarbeiten. Doch das Angebot an Strom hält mit der Nachfrage nicht mit. So gibt es bei der Kohle, mit der China nach wie vor etwa 60 Prozent seines Energiebedarfs deckt, Engpässe, weil die Importe im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent reduziert wurden und die Behörden viele Kohlegruben aus Sicherheitsgründen geschlossen haben. Gleichzeitig bereiten die Umstellung auf Erneuerbare Energien, striktere Emissionsnormen und Stromrationierungen durch Lokalregierungen vielerorts Schwierigkeiten.

Die aktuellen Probleme dürften sich mit Beginn der Heizprobleme allerdings noch verschärfen, weshalb die Regierung in Peking bereits die Gouverneure in den Provinzen bereits angewiesen hat, der Versorgung der Kraftwerke mit Kohle die größte Aufmerksamkeit zu schenken. Daneben gibt es offenbar auch schon Pläne, die Krise mit anderen Energieträgern zu dämpfen.

So befinden sich große chinesische Unternehmen laut Insidern bereits in fortgeschrittenen Gesprächen mit US-Exporteuren über einen umfangreichen Vertrag zur Lieferung von Flüssigerdgas (LNG). Das Geschäft könnte sich auf Dutzende Milliarden Dollar belaufen.
China hat heuer bereits Japan als weltweit größten LNG-Käufer überholt und könnte diese Position festigen. Kommt es zu einem baldigen Geschäft zwischen beiden Seiten, könnte Europa das Nachsehen haben. Die Gasspeicher sind hier laut Experten noch nicht so hoch gefüllt wie im vergangenen Jahr.