Es wird kalt in Europa, die Heizungen werden hochgedreht. Wer sein Haus oder seine Wohnung mit Gas heizt, muss sich auf höhere Kosten einstellen, denn die Preise sind seit Jahresbeginn noch oben geschossen. An einem der wichtigsten virtuellen Gasterminmärkte, dem niederländischen TTF (Title Transfer Facility), explodierte der Preis für Erdgas pro Megawattstunde von knapp 17 Euro am 4. Januar 2021 auf derzeit deutlich über 70 Euro.

Verantwortlich dafür ist zunächst einmal der Anstieg der Energienachfrage im Zuge des weltweiten wirtschaftlichen Aufschwungs nach den coronabedingten Lockdowns. Vor allem Asien hat einen großen Energiehunger und entzieht dem Weltmarkt viel Gas.

in Europa Zudem waren die Gasspeicher nach dem vergangenen Winter stark geleert und mussten wieder aufgefüllt werden. Das trieb ebenfalls die Nachfrage und damit die Preise an. Doch nach Ansicht vieler gibt es noch einen weiteren Grund. Russland soll schuld an der Gaskrise in Europa sein, denn es halte bewusst Gaslieferungen zurück, so Kritiker. Nun könnte Russland aber zu einer Entspannung der Lage beitragen. Präsident Wladimir Putin hat die mehrheitlich staatliche Gazprom, das weltweit größte Erdgasförderunternehmen, damit beauftragt, die Gasspeicher in Deutschland und Österreich aufzufüllen, sobald die eigenen Speicher voll sind. Laut Gazprom-Chef Alexej Miller könnte es nach dem 8. November soweit sein.

In Österreich geht es dabei um den Erdgasspeicher in Haidach, ein Gemeinschaftsprojekt der RAG mit der Gazprom-Tochter Gazprom Export und der deutschen Wingas, der zu zwei Dritteln von Gazprom Export genutzt wird. Dieser Speicher - er befindet sich in der Marktgemeinde Seewalchen, rund 30 Kilometer von Salzburg entfernt - sei zur Zeit nur zu zwei Prozent gefüllt, sagt Carola Millgramm, Leiterin der Abteilung Gas bei der E-Control. Vor einem Jahr waren es noch 77 Prozent. Das Speichervolumen in Haidach beträgt 2,9 Milliarden Kubikmeter Erdgas, das entspricht laut RAG einem Viertel des österreichischen Jahresverbrauchs.

Auch andere Speicher der Gazprom in Europa sind derzeit ungewöhnlich leer. In Deutschland seien die betreffenden Gasspeicher derzeit zu 21 Prozent und damit unterdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Gasspeichern gefüllt. "Es ist positiv, dass diese nun weiter aufgefüllt werden sollen. Eine Einspeicherung erhöht die Sicherheit, in einer längeren Kälteperiode nicht kurzfristig Mengen am Spotmarkt zukaufen zu müssen, die gegebenenfalls teurer sind als das eingespeicherte Gas", hieß es seitens des deutschen Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.

Der "Gasprinz" lässt Europa
blau frieren

Kritiker werfen Russland vor, mit einer künstlichen Verknappung des Gases Druck auf Deutschland ausüben zu wollen, um die Betriebserlaubnis für die Ostseepipeline Nord Stream 2 zu bekommen. Der "Gasprinz" lasse Europa blau frieren, schreibt das deutsche Unternehmermagazin "WirtschaftsKurier". Russland betrachte Gaslieferungen schon seit jeher als politisches Druckmittel. Mindestens die Hälfte des gestiegenen Gaspreises gehe auf das Konto von Gazprom und Wladimir Putin, so der deutsche Grünen-Politiker Oliver Krischer.

Für Deutschlands Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist hingegen nicht Russland schuld an den hohen Gaspreisen, sondern die Gashändler: Sie hätten auf bessere Preise spekuliert und nur zögerlich bestellt. Altmaier erwartet für Deutschland auch keine Lieferengpässe in diesem Winter, da die Speicher wieder gut gefüllt seien. Laut dem deutschen Energieverband habe Russland seine Lieferverpflichtungen gegenüber Gashändlern und Gasimporteuren in Deutschland erfüllt. Auch Putin hatte darauf in letzter Zeit immer wieder hingewiesen. (ede)