Im Interview mit der "Wiener Zeitung" betont Claudia Kemfert, Professorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass im Klimaschutz wirtschaftliche Chancen liegen. Sie arbeitet unter anderem an der Entwicklung computerunterstützter Modelle, mit denen man die Kosten von Klimaschutz und Klimawandel, Energiepreis-Schwankungen oder nachhaltiger Mobilität abschätzen kann. Auf dem "Deutsch-Österreichischen Technologieforum" in Wien, veranstaltet von der Deutschen Handelskammer in Österreich (DHK) und Fraunhofer Austria Research, sprach sie zuletzt darüber, wie die Corona-Krise in eine klimaneutrale Wirtschaft führen kann.

Wiener Zeitung:Frau Professor Kemfert, wie kann denn nun die Pandemiezeit die Klimaneutralität vorantreiben, gibt es hier besondere Hebel?

Claudia Kemfert: Die Corona Krise führt in nie dagewesener Art und Weise zu volkswirtschaftlichen Herausforderungen. Weltweit hat die Pandemie zu Veränderungen und wirtschaftlichen Einbrüchen geführt. In Deutschland etwa lag der Rückgang der realen Wirtschaftsleistung 2020 bei mehr als fünf Prozent, im Vergleich zur Finanzkrise 2009 sind die Einbußen geringer.

Kreditfinanzierte Konjunkturprogramme, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt, stützen die Wirtschaft. Und das ist auch gut so, selten waren die Zinsen so niedrig. Ob Steuerstundung, Kurzarbeitsgeld oder zinslose Darlehen - staatliche Garantien reduzieren langfristig ökonomische Risiken und eröffnen wirtschaftliche Chancen.

Doch die Wirtschaftskrise kann nicht gelöst werden ohne den Klimaschutz zu berücksichtigen. Es reicht nicht, einfach nur den "Neustart-Knopf" zu drücken, da wir aufgrund der Umweltverschmutzungen und des Klimawandels zu Lasten künftiger Generationen wirtschaften, sonst steuern wir ungebremst auf die nächste Krise zu, die Klimakrise. Wirtschaftshilfen müssen somit gezielt auf die Modernisierung Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Ist die Verknüpfung der Corona-Hilfen mit Klimazielen bislang gelungen?

Auf EU-Ebene wird richtigerweise der Green New Deal vorangebracht. Dieser sieht eine Dekarbonisierung der Wirtschaft vor, will den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Verkehrswende vorantreiben. Die Wirtschaftshilfen hätten aber noch konsequenter auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgerichtet werden müssen. Das deutsche Konjunkturpaket ist zwar weniger klimaschädlich ausgefallen als ursprünglich befürchtet, immerhin gehen 40 Prozent der Wirtschaftshilfen in grüne Bereiche.

Dringend notwendig sind jedoch deutlich umfassendere Investitionen in den Klimaschutz. Wünschenswert wäre eine Stärkung der Investitionsfähigkeit. Die Transformation hin zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit sollte hierbei noch bewusster und gezielter unterstützt werden. Das Ausbautempo erneuerbarer Energien muss mindestens verdoppelt werden, um eine Ökostrom-Lücke zu vermeiden. Die energetische Gebäudesanierung samt Energiesparen und Einsatz von erneuerbaren Energien muss vorangebracht werden, damit Häuser weniger Energie verbrauchen und selbst zu Energieanbietern werden können. Und wir brauchen eine Verkehrswende, die Abkehr vom inländischen Flugverkehr, eine Stärkung der Elektromobilität auf Schiene und Straße sowie klimaschonende Mobilität.

Zudem ist eine Reform der Energie- und Abgabensysteme notwendig, hin zur Vermeidung von umweltschädlichen Subventionen und Bevorteilung emissionsfreier Mobilität. Die beste Schuldenbremse ist der Klimaschutz. Um zukunftsfähig zu sein, müssen wir in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit umsteuern. Nur so vermeiden wir eine dauerhafte Überschuldung der zukünftigen Generationen. Nur wenn wir gegensteuern, vermeiden wir die klimapolitische Insolvenz!

Gibt es vorbildliche Länder hierbei?Dänemark ist vorbildlich, da die Energiewende konsequent umgesetzt wird. 2020 verpflichtete sich Dänemark, seine Emissionen bis 2030 um 70 Prozent gegenüber 1990 zu senken, und strebt bis 2050 Klimaneutralität an. Die Ölförderung wurde dafür eingesetzt, ein ehemaliges Ölunternehmen ist nun Offshore-Windenergieanbieter. In Partnerschaft mit Costa Rica hat Dänemark in diesem Jahr die "Beyond Oil & Gas Alliance" ins Leben gerufen, die darauf abzielt, mehr Länder von der Gewinnung fossiler Brennstoffe wegzubringen.

Kaum waren heuer die Lockdowns vorbei, war alles wieder beim Alten bzw. schlimmer - inklusive Emissionen und Verkehr. Hat sich auch etwas zum Positiven verändert?

Wir dürfen nicht dem Trugschluss unterliegen, dass die durch die Corona-Krise teuer erkauften Emissionsminderungen ausreichen. Ohne effektive Klimaschutzpolitik kann es sogar sein, dass es zu sogenannten "Rebound-Effekten" kommt und die Wirtschaft beim Wiederanfahren mehr Emissionen verursacht als vorher, wenn dann wieder auf die alten Techniken gesetzt wird.

Insbesondere im Verkehrssektor wird es ohne Verkehrswende mit Verkehrsvermeidung, -verlagerung und -optimierung zu keiner dauerhaften und nachhaltigen Emissionsminderung kommen können.

Haben wir überhaupt etwas aus dem Corona-Stillstand gelernt?

Aus der Pandemie lässt sich politisch auch etwas für die Bekämpfung der Klimakrise lernen: Sie zeigt, dass global-kollektive, tiefgreifende Maßnahmen möglich sind, wenn die Gefahren ernst genommen werden. Mit der gleichen Entschiedenheit sollte die Klimakrise bekämpft werden.

Was ist die Aufgabe des Staates in Sachen Klimawende?

Zur Überwindung der Krise braucht es lenkende Impulse und entschlossene Investitionsbereitschaft vom Staat. Die Investitionen sollten den Umbau der Energieversorgung hin zu erneuerbaren Energien und Energieeinsparung fördern. Staatliche Fördermittel sollten daran gekoppelt sein, dass Unternehmen von der Nutzung fossiler Energiequellen auf klimaschonende Technologien umsteigen.

Die aus einem Staatsfonds finanzierten möglichen Beteiligungen an Unternehmen sollten nach jedoch nach strengen Kriterien erfolgen, die sich an Systemrelevanz und Klimaschutz orientieren.

Dekarbonisierung, Digitalisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung sind die Schlüsselbegriffe der Zukunft. Vor allem die Digitalisierung wird auch in der Energiewirtschaft nicht mehr wegzudenken sein.

Wir brauchen dringender denn je dezentrale Netze, die digital verknüpft werden zu virtuellen Kraftwerken. Es ist technisch kein Problem, dass Häuser mehr Energie erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Das sind Kleinkraftwerke, die wir zusammenschalten können. Dies ist eine Riesenchance für die digitale Energiewende.

Sie sprachen wiederholt von einem Zeitfenster beim Klimaschutz - wie lange steht dieses offen?

Das Zeitfenster des Handelns schliesst sich umso schneller, je weniger wir handeln. Um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen, können wir noch sieben Jahre "weiter so" machen.

Klimaschutz kostet Geld, wer sind hier die großen Verlierer?.

Klimawandel kostet Geld, Klimaschutz spart Geld. Das ist die einfache Formel, auf die man die internationale wissenschaftliche Forschung reduzieren kann. Sie gilt genauso wie der Satz: Kein Klimaschutz ist teurer als Klimaschutz. Zu diesem Ergebnis kam bereits 2006 eine weltberühmte Studie. Die Auswirkungen des Klimawandels wären bis zu zwanzigmal teurer als konsequente Gegenmaßnahmen. Wenn wir keinen Klimaschutz betreiben, werden wir alle Verlierer sein. Klimaschutz schafft wirtschaftliche Chancen.

Bei der Klimaschutzkonferenz COP26 konnte man sich kaum auf globale Klimaziele einigen, wie soll es hier künftig weitergehen?

Der Klimapakt von Glasgow ist nicht der große Wurf, aber dennoch geht es in Punkto Klimaschutz voran. Es hätte aber besser laufen müssen. Es sind dennoch einige wichtige, wenn auch unspektakuläre Vereinbarungen getroffen worden, wie die, dass alle Länder detaillierte Emissionsdaten alle zwei Jahre melden.

Zudem wurden einige Schlupflöcher für Greenwashing bei der Anrechnung internationaler Emissionsgutschriften geschlossen. Der wichtigste Meilenstein ist vor allem der Beginn des Ausstiegs aus der Kohle, trotz Abschwächungen. Es müssen nun vor allem die Länder, die vorangehen als "Allianz der Willigen" Kooperationen für mehr erneuerbare Energien in allen Ländern schmieden, ähnlich wie Deutschland es in Kooperation mit Südafrika vorhat.

Hinweis: Das Interview wurde via E-Mail geführt.