Mittelfristig hat die Europäische Zentralbank (EZB) eine Teuerungsrate von zwei Prozent als optimalen Wert im Visier. Doch inzwischen liegt die Inflation in der Eurozone schon den zweiten Monat in Folge mehr als doppelt so hoch wie dieser Zielwert. Im November zog sie auf 4,9 Prozent an, den höchsten Wert seit Beginn der Währungsunion, wie das europäische Statistikamt Eurostat am Dienstag nach einer ersten Schätzung mitteilte. Hauptgrund für den Preisschub in Europa waren erneut die kräftig gestiegenen Kosten für Energie.

So auch in Österreich, wo die Inflationsrate im November einer Schnellschätzung der Statistik Austria zufolge auf 4,3 Prozent sprang (siehe Grafik). Dies ist der höchste Wert seit 1992, gleichzeitig liegt die aktuelle Teuerungsrate deutlich über den bisherigen Lohnabschlüssen der Herbstlohnrunde.

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Am stärksten ist der von der Corona-Pandemie ausgelöste Preisauftrieb in den großen Volkswirtschaften der Eurozone im benachbarten Deutschland. Dort stieg die Inflationsrate im vorletzten Monat des Jahres auf 6,0 Prozent, während sie in Frankreich, der zweitgrößten Euro-Wirtschaftsnation, mit 3,4 Prozent deutlich geringer ausfiel. Spürbar niedriger - mit 4,0 Prozent - war die November-Rate auch in Italien.

Abschwächung wohl erst im zweiten Halbjahr 2022

Noch also lässt eine Entspannung an der Preisfront auf sich warten. Geht es nach der EZB, sollte die Teuerung im kommenden Jahr aber wieder allmählich zurückgehen - "und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von zwei Prozent", so die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel im ZDF.

Aus ihrer Sicht hat der Inflationsschub im November wohl seinen Höhepunkt erreicht. Jedenfalls sollte die Dynamik der Preissteigerungen schon bald nachlassen, indem sich die pandemiebedingten Versorgungsengpässe in den nächsten Monaten wieder auflösen und auch die Energiepreise nicht mehr mit dem gleichen Tempo wie bisher weitersteigen.

Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI), glaubt ebenfalls, dass der Anstieg der Verbraucherpreise im November die Spitze erreicht hat. Allenfalls könnte sich das noch in den Dezember verschieben, meint er. Doch danach sei mit einem tendenziellen Rückgang zu rechnen.

Bis es freilich stärker in Richtung zwei Prozent geht, dürfte es noch eine Weile dauern. Erst für die zweite Hälfte des kommenden Jahres sei das zu erwarten, erklärt Brezinschek im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Im ersten Halbjahr 2022 wird der Preisauftrieb nicht so stark zurückgehen, wie sich die EZB das wünscht."

Unter dem Strich prognostiziert Brezinschek für die Eurozone eine durchschnittliche Inflation von "um die 2,5 Prozent" im Gesamtjahr 2022. Dabei gibt der Konjunkturexperte zu bedenken, dass auch Sondereffekte wie etwa die CO2-Steuer ins Gewicht fallen und die Verbraucherpreise so auf hohem Niveau halten.

Druck auf Europas Währungshüter nimmt zu

Indes sieht Brezinschek steigenden Druck auf die EZB: "Irgendwann wird sie Signale (für eine Zinserhöhung, Anm. d. Red.) geben müssen" - auch wenn ihre Motivation derzeit in erster Linie darauf gerichtet sei, wegen mehrerer hoch verschuldeter Euroländer nicht am Leitzins zu rütteln. Seit März 2016 liegt dieser auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

Dennoch: Wie aus der EZB erst vor kurzem wieder zu hören war, wird es auf absehbare Zeit keine Zinswende geben. Für das kommende Jahr und "auch einige Zeit danach" sei es unwahrscheinlich, dass in der Eurozone die Zinsen erhöht würden, sagte Pablo Hernandez de Cos, Spaniens Notenbankchef und als solcher auch Ratsmitglied der EZB, vor wenigen Tagen. Zumal die Bedingungen für eine Anhebung in diesem Zeitrahmen nicht erfüllt sein dürften, wie er hinzufügte. Die Risiken für den Wachstumsausblick seien nach unten gerichtet.

EZB-Direktorin Schnabel betonte, die Europäische Zentralbank sei dem Ziel der Preisstabilität verpflichtet. "Wenn wir sehen, dass sich die Inflation dauerhaft auf einem höheren Niveau als zwei Prozent festsetzen könnte, dann werden wir natürlich ganz entschlossen reagieren", versicherte sie. Aber momentan seien solche Hinweise nicht zu sehen.

Fragezeichen wegen neuer Corona-Variante

Inwieweit die Omikron-Mutante des Coronavirus die weitere Entwicklung der Konjunktur beeinflussen wird, bleibt unterdessen abzuwarten. Brezinschek geht davon aus, dass es sich zwar um einen "kurzfristigen Belastungsfaktor" handle, der globale Konjunkturaufschwung aber nicht gefährdet sei. "Spätestens im März/April sind wir wieder in normalem Fahrwasser", meint er.

Die Ratingagenturen Moody’s und Fitch sind da nicht ganz so entspannt. "Die Omikron-Variante birgt Risiken für das globale Wachstum und die Inflation, insbesondere da sie in einer Zeit auftritt, in der die Versorgungsketten bereits überlastet sind, die Inflation steigt und es auf dem Arbeitsmarkt zu Engpässen kommt", heißt es bei Moody’s. Fitch erklärt, dass "ein weiterer globaler Abschwung, wie er in der ersten Hälfte des Jahres 2020 zu beobachten war, sehr unwahrscheinlich ist, aber der Anstieg der Inflation wird makroökonomische Reaktionen erschweren, wenn die neue Variante sich durchsetzt".

Fed-Chef Jerome Powell sagte am Dienstag vor dem US-Kongressausschuss, dass sich das Risiko einer höheren Inflation in den USA mit Omikron erhöht habe.