Damals, im Jahr 2012, auf dem Höhepunkt der griechischen Finanzkrise, schuldete keiner dem griechischen Fiskus so viel wie Nikos Kasimatis: 952.087.781 Euro. Der größte Teil entfiel auf Bußgelder, Strafzuschläge und Zinsen. Ein unglaublicher Betrag, auch für die Schuldenrepublik Griechenland. Der Buchhalter und Steuerberater trat im Juni 2009 seine Haftstrafe im berüchtigten Gefängnis "Diavata" in der Nähe von Thessaloniki an. Kasimatis war zu einer Freiheitsstrafe von 533 Jahren verurteilt worden. Davon entfielen 150 Jahre auf die Nichtbegleichung von Schulden gegenüber dem Staat, der Rest der Freiheitsstrafe von 533 Jahren wegen Mittäterschaft bei der Ausstellung von Scheinrechnungen.

Die rechtskräftigen Steuerschulden aller Griechen waren zu jenem Zeitpunkt, vor neun Jahren, auf den historischen Rekordstand von 45 Milliarden Euro gestiegen - ein Zuwachs von 14 Milliarden Euro seit Oktober 2009, als Griechenland mit Karacho auf den faktischen Staatsbankrott zusteuerte.

Heute, neun Jahre später, haben sich die rechtskräftigen Steuerschulden in Griechenland mehr als verdoppelt. Konkret standen vier Millionen der knapp elf Millionen Griechen per Ende September 2021 mit genau 109,41 Milliarden Euro beim Fiskus in der Kreide - ein neuer historischer Rekordstand. Tendenz: weiter steigend. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres erhöhten sich die rechtskräftigen Steuerschulden der Griechen um weitere vier Milliarden Euro.

Ausstehende Sozialbeträgen haben Rekordhöhe erreicht

Ferner haben sich die ausstehenden Sozialbeiträge an die gesetzliche Versicherungskasse Efka, die per Ende September 2021 von insgesamt 2,09 Millionen Schuldnern zu entrichten sind, auf den historischen Rekordstand von 38,77 Milliarden Euro erhöht. Auch hier gilt: Tendenz weiter steigend.

Obendrein belaufen sich die bei den griechischen Geschäftsbanken aufgenommenen Kredite wie Konsumentenkredite, Baudarlehen sowie Kredite für Unternehmen per Ende Juni 2021 (jüngere Daten liegen noch nicht vor) auf insgesamt 162,04 Milliarden Euro. Davon entfallen 34,57 Milliarden Euro auf faule Kredite - auf Bankkredite, die mindestens 90 Tage vom Schuldner nicht mehr bedient werden.

Per Ende Juni 2021 hatten die griechischen Geschäftsbanken weitere 61,75 Milliarden Euro dieser notleidenden Kredite an eigens von der Athener Notenbank (TTE) lizensierten Kreditverwaltungsfirmen (EDADP) verkauft. Diese Kredite tauchen zwar nicht mehr in den Geschäftsbüchern der Geschäftsbanken auf, sind aber selbstredend nicht aus der Welt - und schon gar nicht aus Hellas. Der Privatschuldner wird eben von den neuen Gläubigern, den EDADP, zur Begleichung seiner Schuld aufgefordert - oftmals mit rüden Methoden.

Privatschulden betragen 244,5 Milliarden Euro

In Summe beläuft sich so die Privatschuld der Griechen aus rechtskräftigen Steuerschulden, ausstehenden Sozialbeiträgen und faulen Bankkrediten auf aktuell 244,50 Milliarden Euro, wofür saftige Bußgelder, Strafzuschläge und Zinsen fällig sind, solange die Schuld nicht getilgt ist. Rechnet man die Bankkredite im "grünen" Bereich, die also (noch) bedient werden, noch dazu, beträgt sie sogar 371,95 Milliarden Euro.

Im Sumpf der Schulden stecken die Griechen aber nicht nur wegen ihrer explodierenden Privatschulden. Hinzu kommt auch die griechische Staatsschuld, die hierzulande im Frühjahr 2010 eine massive Finanzkrise auslöste. Dem folgenden rigorosen Sparkurs in Athen zum Trotz: Der griechische Schuldenberg ist seither noch größer geworden.

Zinskosten für Staatsschuld bei jährlich 6 Milliarden Euro

Per Ende Juni 2021 belief sich die griechische Staatsschuld auf genau 387,32 Milliarden Euro - Tendenz auch hier steigend. Alleine in den ersten sechs Monaten dieses Jahres erhöhten sich die Verbindlichkeiten des griechischen Staates um weitere gut 13 Milliarden Euro. Dies liegt diesmal maßgeblich an den seit Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020 getätigten Mehrausgaben des Staates, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemiebekämpfung abzufedern.

Griechenlands öffentliche Kreditgeber wie die EU, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds hielten per Ende Juni 77 Prozent der hellenischen Staatsschuld, private Kreditgeber die übrigen 23 Prozent. Dafür hat der hellenische Fiskus aktuell einen effektiven Jahreszins von durchschnittlich 1,59 Prozent zu berappen.

Das scheint eine moderate Zinshöhe zu sein. Bei einer Staatsschuld von 387,32 Milliarden Euro belaufen sich dafür aber allein die jährlichen Zinskosten auf derzeit gut 6 Milliarden Euro. Wächst die griechische Staatsschuld weiter oder steigt der effektive Jahreszins dafür oder passiert gar beides, dann hat der hellenische Fiskus allein für Zinsen noch mehr zu berappen. Eine gefährliche Schuldenspirale.

Gesamtschulden bei knapp 760 Milliarden Euro

Addiert man nun die Privatschuld der Griechen (371,95 Milliarden Euro) und die etwas höhere griechische Staatsschuld (387,32 Milliarden Euro), ergibt sich eine Gesamtschuld in Höhe von 759,27 Milliarden Euro. Brisant ist dabei, dass der Gesamtschuld in Griechenland von knapp 760 Milliarden Euro eine im Jahr 2020 auf nur noch 165,32 Milliarden Euro und damit auf das Niveau von Anfang der Nuller-Jahre eingebrochene jährliche Wirtschaftsleistung gegenübersteht. Die Gesamtschuld der Griechen ist damit viereinhalb Mal so groß wie das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vorigen Jahr.

Daran ändert auch die in Griechenland traditionell große Schattenwirtschaft nicht viel. Sie wird auf etwa 20 Prozent der offiziellen Wirtschaftsleistung geschätzt. Dies würde rund 33 Milliarden Euro extra bedeuten, auch kein wirklicher "Gamechanger".

Wirtschaftsleistung sollte heuer um 6 Prozent zulegen

Die griechische Regierung unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis sieht der Zukunft jedenfalls mit sprühender Zuversicht entgegen. Laut ihren Prognosen wird das griechische BIP im laufenden Jahr nach dem Desaster im Vorjahr um gut 6 Prozent zulegen. Ihre Strategie lautet: Griechenland und die Griechen sollen aus den Schulden wachsen.

Experten in Athen sehen das etwas anders. Die immensen Schulden gefährden den Aufschwung, warnen sie. Besonders die in die Höhe geschnellte Privatschuld der Griechen sei nicht abzustottern. Nur ein Bruchteil der Privatschuldner gehe entweder auf die vielfältigen offerierten Tilgungspläne ein oder halte sie nach einer Vereinbarung in der Praxis auch konsequent ein, heben sie hervor. Obendrein kommen immer neue Privatschulden hinzu. Getreu dem Motto: "Den plirono!" ("Ich zahle nicht!") Der Staat scheint machtlos. Die unweigerliche Folge: Der private Schuldenberg der Griechen wird immer höher.

Bliebe die ultimative Schuldenfrage in der unsäglichen Causa Hellas: Wer soll das alles bezahlen? Pfändungen brächten zwar etwas, reichen aber offenkundig nicht aus. Fest steht, dass das gesamte Privatvermögen der Griechen aus beweglichen Vermögenswerten wie Spar- und Termineinlagen, Bargeld oder Aktien sowie unbeweglichen Vermögenswerten wie Immobilien seit dem Krisenbeginn um rund 50 Prozent eingebrochen ist und derweil nur etwas höher als die stetig zunehmende Gesamtschuld aus Staats- und Privatschuld in Höhe von aktuell fast 760 Milliarden Euro liegt.

Die Athener Tageszeitung "Efsyn" brachte kürzlich das Dilemma auf den Punkt und titelte: "Im Würgegriff der öffentlichen und privaten Schulden - Wachstum im Schatten der Schulden". Man könnte auch Sumpf statt Schatten sagen.