Evergrande rutscht immer tiefer in die roten Zahlen. Berichten der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge steht der chinesische Immobilienriese vor einer weitreichenden Umstrukturierung. Die Aktie ist am Montag an der Hongkonger Börse um 20 Prozent auf ein Rekordtief gerutscht.

Laut Bloomberg plant Evergrande auch, alle seine US-Dollar-Anleihen in die Restrukturierung einzubeziehen. Dabei handelt es sich um Anleihen im Umfang von 260 Millionen US-Dollar, umgerechnet 230,3 Millionen Euro. Die Papiere wurden von der Sparte Scenery Journey ausgegeben. Bei zwei davon hätte Evergrande schon an diesem Montag Zinsen bezahlen müssen, ansonsten droht der Zahlungsausfall.

Die Regierung der Südprovinz Guangdong, wo Evergrande in der Wirtschaftsmetropole Shenzhen ansässig ist, hat eine Arbeitsgruppe in das Unternehmen entsandt. Das Ausmaß der Schulden solle überprüft und die Risiken sollen zerstreut werden, hieß es in Staatsmedien. Auch sollen Unsicherheiten für andere Firmen verringert werden, die Rechte und Interessen aller beteiligten Parteien gewahrt und auch "die soziale Stabilität gesichert" werden, schrieb die Staatsagentur Xinhua.

Zentralbank greift ein

Die chinesische Zentralbank ist jedenfalls um Schadensbegrenzung bemüht. Dort führt man das Problem auf "Missmanagement und die halsbrecherische Expansion" zurück, heißt es in Agenturmeldungen. Evergrande sei ein Einzelfall, der keine Auswirkungen auf den Finanzmarkt haben werde. Mit der Meldung bemüht man sich auch, die Ansteckungsgefahr für den gesamten Wohnungsmarkt und für andere chinesische Immobilien-Konzerne zu minimieren.

Am Montag kündigte die Zentralbank jedenfalls an, die Sätze für Reserven, also die notwendigen Kapitalpolster, zu senken, um dem Bankensektor mehr Luft zu verschaffen. Der Mindestreservesatz soll per 15. Dezember um 0,5 Prozentpunkte auf 11,5 Prozent sinken, wie die People’s Bank of China in Peking mitteilte. Damit würde Liquidität in Höhe von etwa 1,2 Billionen Yuan (rund 170 Milliarden Euro) freigegeben. Neben der Corona-Pandemie samt den wirtschaftlichen Folgen hat die Entscheidung der Zentralbank auch mit den Zahlungsschwierigkeiten von Evergrande zu tun. Ausfälle größeren Ausmaßes könnten den chinesischen Bankensektor hart treffen.

Vergleich mit Lehman

Evergrande kommt seit Monaten nicht aus der Krise. Die Schulden belaufen sich auf 300 Milliarden US-Dollar, die Aktie verlor in nur einem Jahr 88 Prozent an Wert. Der überschuldete Konzern hat schon am Freitag davor gewarnt, dass ein Zahlungsausfall droht. Im Klartext: Banken, Zulieferer, Gläubiger können nicht fristgerecht bezahlt werden.

Immer wieder warnen Finanzexperten vor weitreichenden Folgen einer drohenden, unkontrollierten Evergrande-Pleite und stellen Analogien zur Lehman-Pleite von 2008 her. Die Insolvenz der US-Investmentbank hatte die Welt in eine tiefe Finanzkrise samt darauffolgender Staatsschuldenkrise gestürzt. Chinas Behörden sind deshalb bemüht, die Auswirkungen auf Wohnungsbesitzer, Immobilienkäufer, die schon Anzahlungen geleistet haben, und Investoren zu reduzieren, etwa durch Unterstützungserklärungen.

Bereits vor Wochen wurde die Bonität Evergrandes von Ratingagenturen auf "Ramsch" herabgestuft. Gemessen am Umsatz ist Evergrande der zweitgrößte Immobilienkonzern Chinas. Das Unternehmen ist auf den Bau und Verkauf von Wohnungen für Investoren und private Käufer mit mittleren und höhren Einkommen spezialisiert.(del/ag.)