Vor 30 Jahren öffnete sich der Eiserne Vorhang für Osteuropa – gesellschaftlich und wirtschaftlich. Die Transformation von der Plan- in die Marktwirtschaft war für die meisten Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts ein schwieriger und teils schmerzhafter Prozess. Und er war, wenn man die wirtschaftliche Entwicklung betrachtet, auch je nach Land unterschiedlich erfolgreich. Für jene Länder, die in den vergangenen 20 Jahren der EU beigetreten sind, lief es wirtschaftlich jedenfalls besser.

"Wir haben uns stark entwickelt", sagt der Moskauer Ökonom und Wirtschaftsprofessor vom Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po), Sergej Guriev, im Rahmen eines Vortrags des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Und: Wenn man das Wirtschaftswachstum in den einzelnen Ländern betrachte, so mache es sehr wohl einen Unterschied, ob man in der EU ist, oder nicht. So ist das BIP pro Kopf in Polen von 9.000 US-Dollar im Jahr 1988 auf fast 28.000 im Jahr 2018 gestiegen. Zum Vergleich: Russland verzeichnete im selben Zeitraum einen Anstieg von 13.000 auf knapp über 24.000 US-Dollar. Und in der Ukraine blieb es, nach einem starken Einbruch in den 1990er-Jahren, mit 10.000 US-Dollar pro Kopf de facto unverändert.

Ungleichheit deutlich gestiegen

"In der Zeit des wirtschaftlichen Übergangs wurden auch viele Fehler gemacht. Hier muss der Westen ebenso in die Verantwortung genommen werden", sagte Ökonomin Olga Pindyuk vom wiiw. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR gab es in allen ehemals sozialistischen Ländern eine massive Privatisierungswelle. Diese Privatisierungen liefen meist schnell, intransparent, zu Gunsten einiger weniger und auf Kosten der Steuerzahler. "In dieser Zeit sind die Oligarchen von heute groß geworden, die Korruption hat überhandgenommen", so die Expertin.

Guriev hebt kritisch hervor, dass die Ungleichheit, Korruption und die sogenannte "unfaire Ungleichheit" in den meisten Ländern in den vergangenen drei Jahrzehnten stark zugenommen haben. Mit "unfairer Ungleichheit" ist übrigens gemeint, dass man trotz Beschäftigung und Ausbildung keinen nennenswerten Wohlstandsgewinn erfährt.

Laut dem EBRD Transition Report 2016 ist das Einkommen der reichsten 10 Prozent von 1989 bis 2016 um 82 Prozent gestiegen. Jenes der einkommensschwächsten 10 Prozent allerdings um nur 17 Prozent. Das Medianeinkommen hat sich um 45 Prozent verbessert. "Sehr viele Menschen haben das Gefühl, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden", sagt Guriev. Und die empirischen Daten würden diese Annahme auch stützen.

Demokratisierung unterschiedlich stark

Auch der Demokratisierungsprozess hat sich in den osteuropäischen Ländern sehr unterschiedlich entwickelt. Anders als beim Wirtschaftswachstum scheint es aber, dass ein EU-Beitritt nicht zwingend auch mehr Demokratisierung und weniger Korruption bedeutet, wie Pindyuk erklärte.

So weisen zum Beispiel Armenien und Georgien einen höheren Wert im internationalen Demokratie-Index auf als die EU-Mitglieder Ungarn und Bulgarien. Die sogenannte Rosenrevolution in den Nuller-Jahren führte in diesen beiden Staaten zu weitreichenden demokratischen Reformen. Während Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orban immer wieder in Sachen Rechtsstaatlichkeit in der Kritik steht.

Was das Wirtschaftswachstum betrifft, ist die Ukraine vor allem in den vergangenen Jahren ein Sonderfall. Nach der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014 und den anhaltenden militärischen Spannungen im Osten des Landes ist die Wirtschaft vor allem in der Donbass-Region massiv eingebrochen. In Luhansk ist das BIP pro Kopf zwischen 2013 und 2015 um 70 Prozent zurückgegangen, die Güterexporte fielen sogar um 90 Prozent. Die Rezession hält an. "Die militärischen Spannungen haben starke ökonomische Auswirkungen", so Pindyuk.