Im neuen Jahr wird mit der Federal Reserve die weltweit einflussreichste Notenbank die Zinswende einleiten. Die Anzeichen dafür haben sich zuletzt gemehrt. Viel spricht dafür, dass es so kommen wird und die mit dem Aufkommen der Corona-Pandemie 2020 angebrochenen Zeiten der ultra-lockeren Geldpolitik damit vorbei sind. Allerdings wäre die Fed mit einer Kehrtwende unter den großen Zentralbanken der Welt kein Vorreiter. Denn die Bank of England hat die Zinsschraube bereits angezogen und damit auf die rasant steigenden Preise auf der Insel reagiert.

In Großbritannien schnellte die Inflation zuletzt auf 5,1 Prozent nach oben. Auch in den USA ist sie mit 6,8 Prozent aufgrund pandemiebedingter Lieferengpässe und explodierender Energiepreise geradezu aus den Fugen geraten. Dass die Europäische Zentralbank (EZB) als einzige unter den drei großen Notenbanken trotz einer rekordhohen Teuerungsrate von zuletzt 4,9 Prozent weiter stillhalten will, sehen manche Experten und Teile der Wirtschaft im deutschsprachigen Raum kritisch.

Auch wenn EZB-Chefin Christine Lagarde eine Anhebung 2022 für sehr unwahrscheinlich hält, wie sie in der Öffentlichkeit wiederholt betont, sinnierte Ratsmitglied Robert Holzmann, Chef der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), vor kurzem über eine Zinswende. Diese könne Ende 2022 oder Anfang 2023 kommen. "Etwa zeitgleich mit der dritten Zinserhöhung in den USA - wir sind immer etwas später dran", fügte der Notenbanker hinzu.

"Die EZB tut nicht zu wenig, sie tut das Falsche", kritisierte der deutsche Außenhandelspräsident Dirk Jandura vor wenigen Tagen via Reuters. "Dass sie in Krisenzeiten zur Stabilisierung der Staatsfinanzen beiträgt, kann politisch durchaus gerechtfertigt werden - aber nicht auf Dauer."

Anhebung in drei Schritten

In den USA sind die Währungshüter freilich in Alarmstimmung, denn sie halten den Preisauftrieb im Gegensatz zur EZB nicht mehr länger für ein temporäres Problem. Um sich gegen den Preisdruck zu stemmen, fassen sie die Zinswende für 2022 fest ins Auge. Die in Anlehnung an einen Raketenstart im US-Notenbanker-Jargon "Lift-Off" genannte Operation wird wohl nach Einschätzung von Experten im Frühjahr oder spätestens Mitte 2022 in Gang gesetzt werden. Mit alles in allem drei Erhöhungsstufen könnte der geldpolitische Schlüsselsatz Ende 2022 dann in einer Spanne von 0,75 bis 1,0 Prozent liegen.

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Ulrike Kastens, Ökonomin des Vermögensverwalters DWS, rechnet nicht damit, dass die EZB bald mit ihrem Countdown beginnt: "Im Gegensatz zu anderen Notenbanken wie der Fed dürfte die EZB mit einer deutlich geringeren Geschwindigkeit aus der expansiven Geldpolitik aussteigen." Zu Zinserhöhungen im Euroraum sei es noch "ein weiter Weg", meint auch der Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. In den USA sei der Handlungsdruck größer, da auch die Inflationsraten noch weit höher lägen als in der Eurozone.

Und in Großbritannien, wo die Zentralbank den Leitzins jüngst von 0,1 auf 0,25 Prozent hinaufgesetzt hat, seien die Probleme gar noch drängender. Im Gefolge des Brexit und wegen der "in der Breite vorhandenen Lieferengpässe" habe die Inflation eine ganz andere Dynamik als im Euroraum, erklärt Hüther. Allerdings müsse die EZB auch den Wechselkurs genau in den Blick nehmen: "Wir haben jetzt eine Abwertung des Euro. Das führt dazu, dass die Importe entsprechend teurer werden."

EZB "bleibt viel zu expansiv"

Michael Heise, Chefökonom bei HQ Trust, erwartet, dass die zunehmende Diskrepanz zur Geldpolitik in den USA den Dollar gegenüber dem Euro weiter stärken und Renditedifferenzen zwischen den Regionen vor allem bei kürzeren Anleihelaufzeiten weiter erhöhen dürfte. Die EZB hat zwar die Abkehr vom Krisenmodus jüngst eingeleitet und entschieden, ihr billionenschweres Pandemie-Notprogramm Pepp auslaufen zu lassen. Doch werden die Finanzmärkte nach dem Ende der Krisenhilfen ab April nicht auf Entzug gesetzt, da die EZB das kleinere Anleihenprogramm APP in neu justierter Form weiterlaufen lässt.

Die EZB hat signalisiert, dass zuerst der Ausstieg aus ihren Anleihekaufprogrammen abgeschlossen werden soll, ehe die Zinswende folgt. Solange aber das nun bis Oktober 2022 laufende APP-Programm nicht abgeschaltet ist, ist daran nicht zu denken. Dabei hat die EZB ihre Inflationsprognose für 2022 auf 3,2 Prozent fast verdoppelt. "Die Geldpolitik bleibt damit viel zu expansiv. Es wird weiter zu viel Geld in Umlauf kommen", meint Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. "Leider geht die EZB das Inflationsproblem anders als die US-Notenbank nicht entschieden an." Er rechnet erst im Sommer 2023 mit höheren Zinsen im Euroraum.

Laut Friedrich Heinemann, Chefökonom des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), ist die Skepsis gewachsen, ob die EZB eine überraschend hohe Inflation überhaupt noch entschlossen bekämpfen könnte. Schließlich spiele ihre lockere Geldpolitik eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung hoch verschuldeter Staaten. Falls die EZB bei hartnäckiger Inflation das Ruder doch herumwerfen und die Zinsen erhöhen muss, droht nach Ansicht ihres früheren Chefvolkswirts Otmar Issing ein dickes Ende: "Dann sind Turbulenzen an den Märkten zu erwarten." Auch Wifo-Chef Gabriel Felbermayr meinte zuletzt, dass Zinserhöhungen die Euro-Staatsschuldenkrise wieder aufflammen lassen könnten. (kle)