Digitalwährungen werden in den Medien meist im Kontext von Cyberkriminalität oder Geldwäsche diskutiert. Seit einigen Jahren haben aber auch einige Zentralbanken die Möglichkeiten entdeckt und versuchen sich an der Realisierung. - Wenn auch mit meist überschaubarer Geschwindigkeit.

Die Chinesische Zentralbank hat hier einige Nasenlängen Vorsprung und bereitet sich seit Herbst 2020, konsequent auf die Präsentation des Digital Yuan im Rahmen der Olympischen Winterspiele vor. Die dafür erhofften internationalen Besucherströme werden wegen COVID-19 zwar nun ausbleiben, der Schritt bleibt trotzdem beachtlich.

Abschied vom Bargeld

Seit Anfang Jänner dieses Jahres ist es nun soweit: Die App für den Digital Yuan (e-CNY), die von der Zentralbank gestützte Digitalwährung, steht zum Download bereit.

Die Chinesische Nationalbank (CNB) hat sich auf diesen Zeitpunkt lange vorbereitet und propagiert die Abschaffung des Bargeldes schon seit 2016.

Der bargeldlose Zahlungsverkehr ist in China allerdings viel weiter verbreitet: Mobile-Payment-Transaktionen machen aktuell mehr als zwei Drittel der Bezahlvorgänge aus. Zu mehr als 90 Prozent werden diese von nur zwei Anbietern abgewickelt: WeChat Pay und AliPay.

Auch der e-CNY hat schon verschiedene praktische Testläufe hinter sich: Seit April 2020 ist er in Chengdu, Shenzhen, Suzhou und Xing’an im Rahmen von Pilotversuchen in Verwendung. Im August kamen noch Schanghai und Peking dazu. In Shenzhen wurden 50.000 e-CNY-Pakete, mit einem Wert von jeweils rund 30 Euro ausgegeben, um zur Teilnahme an einer Lotterie zu ermutigen und die neue Digitalwährung so in Umlauf zu bringen.

Insgesamt wurden bereits mehr als 70 Millionen Transaktionen mit einem Volumen von umgerechnet 4,5 Milliarden Euro durchgeführt. Es sind nach Zahlen der CNB bereits etwas mehr als 20 Millionen Privatkonten ("Personal Wallets") und 3,5 Millionen Geschäftskonten ("Corporate Wallets") in Verwendung.

Dass der Digital Yuan seit Januar 2022 von Tencent’s Messenger-App WeChat ebenso unterstützt wird, wie vom E-Commerce Giganten JD.com wird zu seiner beschleunigten Verbreitung noch beitragen.

Die Architektur

Der Digital Yuan ist eine von der Zentralbank gestützte Digitalwährung (CBDC) und bietet im Prinzip die Möglichkeiten von Bitcoin, nur dass die Algorithmen dahinter von der Zentralbank geschrieben und kontrolliert werden, und nicht von anonymen Bitcoin-Minern.

Der e-CNY ist auch nicht auf Blockchain aufgebaut. Es sollen die großen Vorteile von Digitalwährungen - wie drastische Senkung der Transaktionskosten und grenzüberschreitende Bezahlvorgänge in Echtzeit - ermöglicht werden, ohne die Geschäftsbanken auszuschließen. Arbeitsteilig, wird die CNB weiter die Verantwortung für Liquiditätsmanagement und Initiativen gegen Geldwäsche haben und die Geschäftsbanken werden die Software zu den Kunden ("Wallets") managen.

Die herausragendste Funktion des e-CNY ist, dass Transaktionen ohne Internetverbindung durchgeführt werden können, einfach mit Verbindung zwischen zwei Smartphones, das ist ein entscheidender Vorteil zu bestehenden Mobile-Payment-Apps.

Die CNB hatte bereits 2014, offiziell 2017, begonnen, an einem digitalen Währungssystem zu arbeiten. Das hat ihr einen entscheidenden Vorsprung eingebracht.

Nach einer Erhebung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, sind weniger als zehn Prozent aller Zentralbanken im finalen Stadium der Realisierung einer CBDC, darunter Schweden, Uruguay und die Bahamas. Die US-Notenbank hat seit August 2020 eine Partnerschaft mit dem MIT und die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Fahrplan zur Umsetzung ihres Digitalen Währungsprojektes im Juli 2021 veröffentlicht.

Von "Bollwerk" bis "Krieg"

Die Verwendung einer von der Zentralbank gestützten Digitalwährung am Heimmarkt ist aber nur ein Teil eines größeren Vorhabens, folgt man den Aussagen von Yao Qian, dem früheren Leiter des Forschungsinstituts der CNB. Er betrachtet Digitalwährungen als wesentlichen Bestandteil eines "Kommenden Krieges" und macht deutlich, dass China aus dem vom US-Dollar dominierten SWIFT-System aussteigen möchte, das gegenwärtig die internationalen Zahlungsvorgänge dominiert.

Auch Huang Qifan von der Finanzbehörde, bezeichnete den e-CNY als ein "Bollwerk", gegen eine befürchtete US-Einflussnahme über SWIFT im Krisenfall.

Außerdem würde eine Parallelstruktur zu SWIFT, befreundeten Regimen in Teheran, Moskau oder Pjöngjang ein Umgehen westlicher Wirtschaftssanktionen ermöglichen. Das ist ein Angebot, das China zu einem unwiderstehlichen Partner in diesen Hauptstädten machen würde.

Kooperation und Kontrolle

Peking strebt auch nach einer verstärkten Internationalisierung des Yuan. Verglichen mit der chinesischen Wirtschaftsleistung ist die Währung im internationalen Zahlungsverkehr unbedeutend: Weniger als fünf Prozent der internationalen Zahlungen werden in Yuan getätigt.

Peking ist sich der geopolitischen Faktoren jedoch durchaus bewusst, die über die Attraktivität einer Währung entscheiden. Es sucht daher die notwendigen internationalen Kooperationen, vor allem bei den Partnern der "Belt-and-Road-Initiative" (BRI). Für immerhin 25 BRI-Mitgliedsstaaten ist China der wichtigste Handelspartner.

Die CNB ist auch in die "m-CBCD Bridge Initiative" involviert. Das ist ein Konsortium bestehend aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Hong Kong Monetary Authority und der Zentralbanken aus Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Auch SWIFT, besorgt um den zukünftigen Zugang zum chinesischen Markt, hat mit der CNB ein Joint-Venture gegründet.

Der dritte Beweggrund für die frühe Initiative der Chinesischen Zentralbank, die Betonung im 14. Fünfjahresplan (2021-2025) sowie für das, Anfang Jänner dieses Jahres veröffentlichte, FinTech-Strategiepapier, ist der Wettbewerbsvorteil, den das Land sich durch die technische Vorreiterrolle auch im Bereich internationaler Normsetzung verspricht. Das ist ein wesentlicher Bestandteil von Xi Jinpings Programmatik zur Übernahme der globalen Führungsrolle im Bereich Neuer Technologien.

Nach einem Bericht der "Financial Times" vom Februar 2020 wurden im Bereich Digitalwährungen bisher 83 Patente angemeldet.

Repressionsalgorithmen

Der e-CNY wird die Kontrollmöglichkeiten über die chinesische Bevölkerung noch drastisch erhöhen, da alle finanziellen Transaktionen für die Behörden verfolgbar werden.

Peking möchte damit aber vor allem Zugriff auf internationale Daten bekommen, die durch den abgeschirmten Internetraum China bisher schwer verfügbar waren. Da viele europäische Staaten BRI-Partner sind und oft bedenkenlos chinesische Anbieter in die digitalen Infrastrukturen integrieren, würde sich hier erneut die Möglichkeit eines Überdenkens dieser Haltung anbieten.