Was wird das Börsenjahr 2022 bringen? Lässt sich mit Aktien nach den fulminanten Kursanstiegen im vergangenen Jahr weiterhin Geld verdienen? Oder droht mit Blick auf den inflationsbedingt zunehmenden Druck, die Zinsen anzuheben, eine Korrektur? Zu diesen Fragen haben Kapitalmarktexperten Dienstagabend in einer Diskussionsrunde, die von der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG) in Kooperation mit der "Wiener Zeitung" veranstaltet und von ÖAG-Vizepräsidentin Monika Rosen moderiert wurde, Stellung genommen. Ihr Fazit: Ebenso heuer führt an Aktien kein Weg vorbei, auch wenn die Corona-Krise noch nicht vorbei ist und der Start ins neue Börsenjahr wegen des Renditeanstiegs an den Anleihemärkten und der Furcht vor einer schnelleren Straffung der Geldpolitik mehr als holprig war.

Anleger sollten demnach den Mut haben, vor allem dann Aktien zu kaufen, "wenn sie korrigieren", erklärte Harald Holzer, Vorstand und Chief Investment Officer der zu Raiffeisen gehörenden Kathrein Privatbank. "Und sie werden korrigieren - um zehn Prozent oder vielleicht ein bisschen mehr. Zum Teil haben wir das schon bei Technologieaktien gesehen." Es werde jedoch keine Rezession kommen, die US-Notenbank werde die Inflation erfolgreich reduzieren, und die Unternehmensgewinne würden auch heuer steigen - noch mehr im Jahr 2023, wie Holzer betonte. "Das alles wird dazu führen, dass der ,Bullenmarkt‘ (steht für steigende Kurse, Anm.) weitergeht." Holzer hält sogar "zweistellige Zuwächse" für möglich.

Europa versus USA

Kornelius Purps, Europa-Stratege der deutschen Unicredit-Tochter Hypovereinsbank, sieht dabei jedoch die europäischen Aktienmärkte im Vorteil. Diese hätten "gute Chancen, die US-Börsen in diesem Jahr zu übertrumpfen". Als Hauptgrund führte Purps die ab März zu erwartenden Zinserhöhungen in den USA an. In der Regel seien steigende Zinsen belastend für die Bewertung von Aktien. Da die aktuelle Bewertung in Europa im historischen Vergleich nicht so hoch sei wie in den USA, hätten europäische Aktien mehr Kurspotenzial. Zudem sei eine Zinserhöhung in der Eurozone nicht heuer, auch nicht im kommenden Jahr, sondern wohl erst 2024 ein Thema. "Wir brauchen für Zinsanhebungen in der Eurozone ein perfektes Umfeld aus gemäßigtem, aber anstehendem Inflationsdruck und stabilen Konjunkturaussichten", erklärte Purps dazu. Aus seiner Sicht hat die Europäische Zentralbank (EZB) recht, "wenn sie sich am Zinswettlauf noch nicht beteiligt".

Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Anders als an den Aktienbörsen werde es an den Anleihemärkten im laufenden Jahr "schwierig" sein, angesichts der globalen Zinsanhebungen Geld zu verdienen, sagte Purps weiter. Auch da seien aber europäische Papiere gegenüber US-Bonds zu bevorzugen. Detail dazu am Rande: Am Mittwoch war der Zins für zehnjährige deutsche Bundesanleihen zum ersten Mal seit fast drei Jahren wieder leicht positiv. Die Rendite stieg bis auf 0,008 Prozent, zehnjährige Bundesanleihen, die an den Märkten als richtungsweisend gelten, rentieren somit wieder positiv. Für Anleger ist das aber nicht mehr als ein kleiner Hoffnungsschimmer. Denn abzüglich der erhöhten Inflation bringen die Papiere unterm Strich Verluste ein.

Gold "eher auf der Nullseite"

Den Goldpreis sieht Bernhard Haas, Rohstoffspezialist der Erste Asset Management, heuer "eher auf der Nullseite", wie er sagte. Eine "große Rendite" sei da nicht Sicht. Zumal die Inflation zu wenig hoch sei, als dass Gold ein Schutz davor wäre, erklärte Haas. Außerdem bekomme das gelbe Metall "mehr Konkurrenz durch die Zinsseite". So gesehen halte sich der Goldpreis mit mehr als 1.800 Dollar je Feinunze "recht gut".

Den schon stark gestiegenen Ölpreis sieht Haas indes auf bis zu 100 Dollar je Barrel steigen - "aber nur kurzfristig", da es noch viele Kapazitäten im Markt gebe. Für Haas ist denn auch Öl (durch die OMV) neben Bank- und Industriewerten der Stoff für einen weiteren Kursschub an der Wiener Börse.