Das Wirtschaftswachstum in den 23 Ländern Zentral-, Ost und Südosteuropas (CESEE) dürfte sich heuer und im kommenden Jahr deutlich verlangsamen - vor allem, weil Russland und die Türkei, die größten Volkswirtschaften der Region, wirtschaftlich schwächeln. In seiner Winterprognose rechnet das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) auch mit neuen Wirtschaftssanktionen der EU und der USA gegen Russland - allerdings sei Russland darauf gut vorbereitet.

Im Vergleich zum Herbst hat das WIIW seine aktuelle Prognose für die Region CESEE sowohl für 2022 als auch für 2023 nur geringfügig revidiert. Für 2022 sind die Wachstumsaussichten für Bulgarien (3,8 Prozent), Tschechien (4,0 Prozent), Serbien (4,9 Prozent) und Nordmazedonien (3,5 Prozent) nun etwas positiver. Eine Revision nach unten erfuhren Russland (2 Prozent), Belarus (1,0 Prozent), Bosnien-Herzegowina (2,5 Prozent) und die Slowakei (3,9 Prozent). Für die gesamte Region wird heuer ein Wachstum von 3,2 Prozent erwartet, das sind um 2,5 Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr. Ein bremsender Faktor ist neben Russland auch die Türkei, deren Wirtschaftsleistung heuer nur um 3,5 Prozent steigen soll.

Überschaubare Auswirkungen der Corona-Pandemie

Die Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn dürften mit im Schnitt 4,6 Prozent (2022) und 4,4 Prozent (2023) weiterhin stark wachsen. Die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie bleibt ein Unsicherheitsfaktor, aber "die ökonomischen Auswirkungen der Covid-Pandemie sollten überschaubar bleiben", schreiben die WIIW-Ökonomen.

"Bei Russland trüben die absehbaren neuen Wirtschaftssanktionen der EU und der USA im Falle eines bewaffneten Konflikts in der Ukraine sowie altbekannte strukturelle Schwächen die Perspektiven", sagt Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des WIIW und Hauptautor der Winterprognose. 2023 dürfte die russische Wirtschaft deshalb nur noch um 1,5 Prozent wachsen. "Wir gehen in unserer Prognose von einer Eskalation zwischen Russland und dem Westen mit der Verhängung weiterer gegenseitiger Wirtschaftssanktionen aus. Diese werden beide Seiten treffen, sollten die wirtschaftliche Erholung in Osteuropa insgesamt allerdings nicht zum Erliegen bringen", so Grieveson. Eingepreist habe man dabei die Folgen eines möglichen Konflikts um die Ukraine, aber nicht jene einer großen Invasion.

Beträchtliche Währungsreserven

Allerdings glaubt Grieveson nicht, dass sich Russland mit Sanktionen zum Einlenken wird zwingen lassen. Eine konservative Geld- und Fiskalpolitik habe Russland den Aufbau beträchtlicher Währungsreserven ermöglicht, die sich auf insgesamt 630 Mrd. US-Dollar (gut 557 Mrd. Euro) belaufen. Die Bruttowährungsreserven einschließlich Gold hätten im November 2021 rund 40 Prozent des russischen BIP ausgemacht und die Auslandsverschuldung sei niedrig.

Härter könnte ein Showdown mit Russland die EU treffen, meint Grieveson: "Sollte es tatsächlich zu einem bewaffneten Konflikt kommen, werden die ohnehin schon hohen Preise für Erdgas und Erdöl nach oben schnellen und die Inflation weiter anheizen." Im Durchschnitt rechnet das WIIW für Mittel-, Ost- und Südosteuropa heuer mit einer Inflationsrate von 10,2 Prozent, nach 8,7 Prozent im vergangenen Jahr, in der Türkei sogar mit 26,2 Prozent. Die Inflationsrate der Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn sollte im Schnitt bei 5,2 Prozent liegen. Unter neuen Sanktionen gegen Russland würden auch österreichische Firmen leiden.