Die Inflation im Euroraum schraubt sich weiter in die Höhe - im Jänner lag sie bereits über 5 Prozent und damit deutlich über dem von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten mittelfristigen Ziel von 2 Prozent. Dennoch geht die EZB nicht von ihrem geldpolitischen Kurs ab: Der Leitzins bleibt bei 0,0 Prozent. Auch an den milliardenschweren Anleihenkäufen hält die Notenbank fest. Das gaben die Währungshüter in Frankfurt nach ihrer ersten geldpolitischen Sitzung in diesem Jahr bekannt.

Zugleich müssen Finanzinstitute weiterhin Strafzinsen berappen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank parken. Den dafür gültigen sogenannten Einlagesatz beließen die Währungshüter bei minus 0,5 Prozent. Sie halten sich jedoch weiterhin die Tür für eine künftige Erhöhung offen: Der EZB-Rat steht bereit, "alle seine Instrumente" bei Bedarf anzupassen. Damit will er sicherstellen, dass sich die Inflation mittelfristig bei seinem Zielwert stabilisiert.

Das Preisniveau werde noch "einige Monate hoch bleiben", sich aber im Laufe dieses Jahres abschwächen, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Sitzung vor Journalisten sagte. Frühere Aussagen, wonach eine Zinsanhebung in diesem Jahr sehr unwahrscheinlich sei, bekräftigte sie nicht. Alle derartigen Aussagen seien abhängig von den Umständen. Und: "Die Situation hat sich in der Tat geändert." Die nächste Sitzung des EZB-Rats findet am 10. März statt.

"Wie aus der Zeit gefallen"

Der jüngste Zinsentscheid löste unterschiedliche Reaktionen aus. "Die Zinspolitik und Wertpapierkäufe der EZB wirken inzwischen wie aus der Zeit gefallen", kritisierte etwa Ökonom Friedrich Heinemann vom ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) in Mannheim. Die EZB betreibe im Grunde immer noch eine Politik der Deflationsbekämpfung, obwohl Europa den stärksten Inflationsschub seit Einführung des Euro erlebe und auch die Inflationserwartungen klettern. "Der EZB-Rat riskiert inzwischen, die Reputation dieser Institution ernsthaft zu beschädigen", so Heinemann gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Hingegen meinte Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe: "Die EZB hat sich von der Inflationspanik nicht anstecken lassen. Ihren geldpolitischen Beschlüssen zufolge macht sie weiter wie bisher. Für ein schnelleres Zurückfahren an geldpolitischer Unterstützung bedarf es deutlich höherer Inflationsprojektionen für 2023/24."

Jörg Krämer von der Commerzbank kann nicht erkennen, "dass die EZB durch die hohen Inflationsraten beeindruckt wäre. Mit Blick auf die Leitzinsen behält sie sich formal noch immer eine weitere Zinssenkung vor, obwohl eine Zinserhöhung notwendig wäre. Schließlich hat die unerwartet hohe Januar-Inflation die Inflationsprognosen der EZB zur Makulatur werden lassen."

Bank of England legt nach

Unterdessen hat die Bank of England (BoE) wenige Wochen nach ihrer Zinswende nachgelegt. Sie erhöhte den geldpolitischen Schlüsselzins am Donnerstag um einen viertel Punkt auf 0,5 Prozent und deutete eine mögliche weitere Straffung der Geldpolitik an. Sie hält es für möglich, dass die Inflation bald über die Marke von 7 Prozent hinausschießen könnte. Die BoE hatte im Dezember als erste der großen Zentralbanken seit Beginn der Pandemie den Zins angehoben, und zwar von 0,1 auf 0,25 Prozent.  (red.)