Die Börsen reagieren zunehmend nervös auf den andauernden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine und einen möglichen Einmarsch russischer Truppen in die Ostukraine. Am Montagmorgen brach der heimische Aktienindex ATX um 3,7 Prozent auf 3.868,27 Punkte ein und schloss mit einem Minus von über 3 Prozent.

Der Eurozonen-Leitindex Euro-Stoxx-50 fiel um 3,22 Prozent auf 4.021,38 Punkte. Der deutsche DAX verlor 3,20 Prozent auf 14.931,76 Punkte. Der britische FTSE-100 fiel um 1,84 Prozent auf 7.520,14 Punkte. Auch in Moskau ging es im Frühhandel deutlich nach unten. Der russische RTS-Index verlor 4,35 Prozent auf 1.406,19 Zähler. In den USA herrscht hingegen Ruhe: Der Nasdaq eröffnete am Montag mit einem Minus von lediglich 0,3 Prozent.

Am Wochenende berichteten US- und deutschsprachige Medien mit Bezug auf Geheimdienstinformationen von einer möglichen militärischen Invasion bereits diese Woche. Das sorgte für Unruhe auf den Finanzmärkten. Denn sollten russische Truppen tatsächlich in die Ostukraine eindringen, ist mit weitreichenden wirtschaftlichen Sanktionen zu rechnen. Und diese würden vor allem Banken treffen. Russland droht dann nämlich ein Ausschluss aus dem internationalen Zahlungssystem Swift. Das sogenannte "Society of Worldwide Interbank Financial Telecommunication" ist das weltweit größte Finanz-Transfernetz, das von rund 11.000 Banken zur Abwicklung von Transaktionen genutzt wird.

Auch Österreich betroffen

Von diesem Ausschluss und von Sanktionen im Allgemeinen wären heimische Banken, die in Osteuropa stark vertreten sind, besonders betroffen. Die Aktie der Raiffeisen Bank International (RBI) brach am Montagmorgen um fast 10 Prozent ein und konnte sich über den Tag auch nicht vollständig von diesem Absturz erholen. Die heimische RBI hat Tochterbanken in Russland und der Ukraine. Allein auf das Russland-Geschäft entfielen 2021 gut 474 Millionen Euro an Gewinn, auf die Ukraine 122 Millionen (jeweils nach Steuern). Das ist fast ein Drittel des Konzerngewinns.

Aktien der Erste Group und der Bawag verloren zwischen 4 und 5 Prozent. Auch an anderen Börsenplätzen fanden sich Banken unter den größten Verlierern. So waren Intesa Sanpaolo und BNP Paribas mit Verlusten zwischen 5 und 6 Prozent die größten Verlierer im Euro-Stoxx-50.

Gelassenheit wahren

"Wenn sich die Situation weiter zuspitzt und es tatsächlich zu einer Eskalation kommt, könnte es auch an den Börsen noch ein paar düstere Tage geben", sagt Peter Brezinschek, Chefanalyst der RBI, zur "Wiener Zeitung". Er mahnt trotzdem zu Gelassenheit und warnt vor Panikverkäufen. Für langfristige Anleger seien die derzeitigen Kurseinbrüche noch kein Grund, sich von eigentlich stabilen Titeln zu trennen, meint Brezinschek. Kurzfristige Anleger könnten derzeit von "Schnäppchen-Käufen" profitieren.

In den vergangenen drei bis vier Wochen hat vor allem das Thema Inflation die Finanzmärkte dominiert. "Wir haben die sich weiter zuspitzende Lage fast ein wenig übersehen", sagt Brezinschek. Es ist noch zu früh zu beurteilen, ob es sich um einen langfristigen Abwärtstrend handelt, meinen auch Analysten deutscher Banken. Die starken Börseneinbrüche im Zuge der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 konnten auch relativ rasch wieder aufgeholt werden.

Auch ist noch nicht ganz klar, wie genau die Sanktionen aussehen sollen und wie weitreichend sie ausfallen. Der mögliche Ausschluss aus dem Swift richtet sich jedenfalls primär gegen die fünf großen russischen Staatsbanken. Ihnen soll so der Zugang zum internationalen Kapitalmarkt erschwert werden.(del)