Die EU hat mit der Ukraine nach einem dortigen Machtwechsel 2014 ein Freihandelsabkommen geschlossen. Die Ukraine exportiert vornehmlich Agrargüter in die EU, gilt traditionell als Kornkammer. Der Handel könnte sich nun nach dem Angriff Russlands wieder ändern. Die Versorgung aus der Ukraine und die Ukraine als Absatzmarkt könnten ausfallen. Vor einer Versorgungskrise braucht man sich laut Wifo-Agrarexperten Franz Sinabell im APA-Gespräch in Europa aber nicht zu fürchten.

"Wenn die Ukraine Teil vom 'russischen Empire' werden sollte, dann fehlt uns die Versorgung - und andererseits kann uns ein Markt verloren gehen", sagte Sinabell. "Aber ich habe keine Angst vor einer Versorgungskrise in Europa", relativierte der Fachmann deutlich.

Die Ukraine wollte ihren Angaben zufolge voriges Jahr an die 74 Millionen Getreide ernten. Das hätte einen Export von fast 55 Millionen Tonnen ermöglicht.

Auswirkungen auf Preise

Ukrainischer Weizen könnte aufgrund der neuen Lage womöglich nicht mehr nach Europa geliefert werden - würde aber nicht am Weltmarkt fehlen, so Sinabell. "Eine der Haupteinnahmequellen der Ukraine ist der Export von Agrargütern. Die Russen werden nicht so verrückt sein, den ukrainischen Export völlig brach liegen zu lassen, würde die Ukraine Teil Russlands sein." Auf die Preise würde dies aber sehr wohl Auswirkungen haben. Preisliche Auswirkungen in Form von Steigerungen beim Weizen gab es auch schon in den vergangenen Tagen noch vorm russischen Angriff auf die Ukraine.

Auch die selektive Blockade seitens Russlands von europäischen Agrargütern seit 2014 hat für Änderungen am europäischen Markt gesorgt. So überschwemmten polnische Äpfel, die nicht mehr nach Osten exportiert werden konnten, den europäischen Markt - zu Preisen, mit denen heimische Apfelbauern nicht mithalten können. "Die Russen wollten mit Absicht die Bauern aufbringen, ein politisches Gegengewicht in Europa gegen die Russland-Sanktionen aufzubauen - das ist aber nicht gelungen", so Sinabell im Gespräch mit der APA. "Die Marktstruktur hat sich verändert und angepasst."

Interessant aus Sicht des Fachmanns ist, dass sich die Ein- und Ausfuhren von Agrarprodukten zwischen Österreich und der Ukraine ziemlich exakt die Waage gehalten haben. 2020 wurden Agrarwaren um 73,3 Mio. Euro aus der Ukraine nach Österreich importiert und um 72,5 Mio. Euro aus Österreich in die Ukraine exportiert. Über die Jahre davor gab es ein stetiges Wachstum. 2015 hatten sich die Importe noch auf einen Wert von 43,6 Mio. Euro belaufen, die Exporte auf 33,3 Mio. Euro.

Österreich nicht betroffen

Hauptsächlich geht es um den Import von Früchten (2020: 20,3 Mio. Euro), Zubereitungen von Gemüse, Früchten und der gleichen (18,2 Mio. Euro), Ölsaaten und ölhaltige Früchte (14,8 Mio. Euro) sowie tierische und pflanzliche Öle und Fette. Ausgeführt wurden 2020 vor allem Ölsaaten und ölhaltige Früchte (21,9 Mio. Euro), Getreide (12,5 Mio. Euro), Kakao und -Zubereitungen (11,2 Mio. Euro) sowie verschiedene Lebensmittelzubereitungen (16,1 Mio. Euro).

Als direkter Weizenlieferant spielte die Ukraine direkt für Österreich zuletzt also keine besonders große Rolle, wie die Zahlen der Außenhandelsstatistik zeigen. Gehandelt wird der wichtige Rohstoff hauptsächlich an Börsen. Dort verzeichnete der Weizenpreis zuletzt im November 2021 mit 284 Euro je Tonne einen Höchststand. Im Jänner sank der Preis auf 252, um bis Donnerstagabend auf 315 Euro je Tonne nach oben zu schnellen. Weizen wird nicht nur für Brot gebraucht, Futterweizen ist ein wichtiger Nahrungsbestandteil in der Tierzucht. (apa)