Russland hat sich vor seinem Einmarsch in die Ukraine ein dickes Finanzpolster zugelegt: Währungsreserven von 643 Milliarden Dollar wurden angehäuft, hinzu kommt ein boomendes Öl- und Gasgeschäft. Kann das Land damit die westlichen Sanktionen locker wegstecken? Eher nicht, sagen Experten. Zwar dürften die Vergeltungsmaßnahmen der USA, der Europäischen Union und der anderen Länder ihre Wirkung nicht von heute auf morgen entfalten. Auf lange Sicht aber dürfte Russland darunter leiden. "Die Ansicht, dass Russland von den Maßnahmen nicht groß betroffen sein wird, ist falsch", sagt Christopher Granville, Geschäftsführer der Beratungsfirma TS Lombard und langjähriger Russland-Beobachter. "Die negativen Folgen sind vielleicht nicht sofort spürbar, aber die Sanktionen werden das Potenzial Russlands auf lange Sicht beeinträchtigen."

Zu den bereits beschlossenen Maßnahmen des Westens gehören das Einfrieren von Vermögenswerten gegen russische Banken und Geschäftsleute. Auch ein Stopp der Mittelbeschaffung im Ausland, das Einfrieren des Elf-Milliarden-Dollar-Gaspipelineprojekts Nord Stream 2 und der stark beschnittene Zugang zu High-Tech-Produkten wie Halbleitern zählen zu den neuen Sanktionen.

Das trifft ein Russland in scheinbar guter Form. Die Staatsschulden liegen bei gerade einmal 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Deutschland ist dieser Wert etwa viermal so hoch. Nur die Hälfte der russischen Verbindlichkeiten laufen auf Dollar, während es vor zwei Jahrzehnten noch 80 Prozent waren. Dazu erwirtschaftet Russland Überschüsse in der Leistungsbilanz von zuletzt fünf Prozent des BIP, weil es weit mehr exportiert als importiert. Das alles lässt Russland wie eine Festung aussehen. Sie wurde nach der Krim-Annexion 2014 aufgebaut, nachdem wegen der damals verhängten westlichen Sanktionen jahrelang gespart wurde. Derzeit spielen die steigenden Ölpreise dem Kreml in die Karten: Laut Granville dürften sie dem Staat in diesem Jahr zusätzliche 1,5 Billionen Rubel (17,2 Milliarden US-Dollar) aus Steuern auf die Gewinne der Energieunternehmen bescheren.

Einkommen russischer Haushalte unter Niveau von 2014

Doch diese Art von Autarkie hat ihren Preis - die zunehmende Isolation von der Weltwirtschaft, den Märkten und ausländischen Investitionen. "Russland wird im Wesentlichen wie ein feindlicher Staat behandelt werden, der von globalen Strömen, Investitionen und anderen normalen wirtschaftlichen Interaktionen abgeschnitten ist", sagt Granville. Das dürfte auf Lebensstandard und Einkommen der Russen sowie Produktivität und Rentabilität der Unternehmen durchschlagen.

Erste Anzeichen für eine wirtschaftliche Anfälligkeit gibt es bereit. Die Einkommen der russischen Haushalte liegen immer noch unter dem Niveau von 2014. Und 2019 - dem letzten Jahr vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie - summierte sich die jährliche Wirtschaftsleistung nach Angaben der Weltbank auf 1,66 Billionen Dollar. Sie verharrte damit weit unter jenen 2,2 Billionen Dollar von 2013, die vor der Krim-Annexion erreicht wurden.

Das russische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2013 noch doppelt so hoch wie das von China. Mittlerweile liegt es darunter. "2013 war Russland ein Land mit hohen Einkommen und verhandelte aktiv über den Beitritt zur Industriestaaten-Organisation OECD", sagt Sergej Guriew, Wirtschaftsprofessor an der französischen Universität Sciences Po und ehemaliger Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. "Jetzt ist Russland auf den Status eines Landes mit mittlerem Einkommen zurückgefallen."

Ausländische Investoren verabschieden sich

Auch die ausländischen Investoren haben sich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt aus Russland verabschiedet. Zum Beispiel jene aus Deutschland: Fast die Hälfte der ursprünglich 6300 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung hat sich seit 2011 vom russischen Markt zurückgezogen. Nach Angaben der Auslandshandelskammer (AHK) sind aktuell nur noch etwa 3651 deutsche Unternehmen vor Ort aktiv.

Eine Kundenumfrage der Großbank JPMorgan ergab, dass die ausländischen Bestände an Rubel-Anleihen auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten gefallen sind. Die Aktieninvestitionen haben nach Schätzungen von Copley Fund Research nie wieder das vor der Krim-Krise geschaffte Niveau erreicht. Auch muss der russische Staat für neue Dollar-Schulden tief in die Taschen greifen: Die von den Anlegern geforderte Risikoprämie für russische Dollar-Schuldtitel stieg am Donnerstag auf über 13 Prozentpunkte über US-Staatsanleihen, das ist fast das Dreifache des Durchschnitts der Schwellenländer. "Die Sanktionen werden Russland dazu zwingen, immer mehr Aktivitäten selbst zu finanzieren und Investitionen in Industrie und Militär einzuschränken", sagt Jeffrey Schott, Experte für Handel und Sanktionen am Peterson Institute for International Economics. JPMorgan geht davon aus, dass die Sanktionen das russische BIP-Wachstum in der zweiten Hälfte dieses Jahres um bis zu 3,5 Prozentpunkte schmälern werden.

"Autarkie ist kein Rezept für Fortschritt", fassen die Analysten der Investmentbank Berenberg die Lage in Russland zusammen. "Der Umgang mit einem schwer bewaffneten Russland, das sich in einem relativen wirtschaftlichen Niedergang befindet, wird auf absehbare Zeit eine zentrale Herausforderung für Europa und die Vereinigten Staaten bleiben." (reuters)