Europa kann der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge seine Importe von russischem Gas innerhalb eines Jahres um mehr als ein Drittel reduzieren. Die IEA kündigte dazu am Donnerstag einen Zehn-Punkte-Plan an, um die Abhängigkeit der Europäischen Union (EU) von Gas aus Russland zu verringern.

"Niemand gibt sich mehr Illusionen hin. Dass Russland seine Erdgasressourcen als wirtschaftliche und politische Waffe einsetzt, zeigt, dass Europa schnell handeln muss, um für den nächsten Winter auf erhebliche Unsicherheiten bei den russischen Gaslieferungen vorbereitet zu sein", erklärt IEA-Chef Fatih Birol. Die in Paris ansässige IEA koordiniert die Energiepolitik der Industrieländer.

Die EU bezieht rund 40 Prozent ihrer Erdgaslieferungen aus Russland. Zwar sind die Lieferungen trotz der Sanktionen und Spannungen nach der russischen Invasion in die Ukraine noch stabil geblieben. Die Preise sind aber wegen der Furcht vor Lieferausfällen in die Rekordhöhen geschossen. Es wird befürchtet, dass Russland seine Lieferungen drosseln könnte oder EU-Sanktionen auf die russischen Energieexporte abzielen könnten.

Flüssiges Erdgas aus Afrika

Deutschland kann seine Abhängigkeit von russischem Erdgas nach Einschätzung der Wirtschaft durch mehr Importe aus Afrika drücken. Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck sei bis in die USA gereist, um dort verflüssigtes Erdgas (LNG) einzukaufen, so der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft am Donnerstag. "Er sollte aber auch nach Afrika reisen, denn kurzfristig können und wollen afrikanische Länder wie Algerien, Ägypten, Nigeria und Angola Gas nach Europa liefern, um unsere Abhängigkeit von russischen Importen zu verringern", sagte deren Vorsitzender Stefan Liebing.

Algerien liefere bereits zuverlässig Erdgas nach Südeuropa und habe in den letzten Tagen angekündigt, die Liefermenge kurzfristig auch erhöhen zu können. Über die 750 Kilometer lange Medgaz-Pipeline, die gerade erweitert werde, fließe das algerische Gas unter dem Mittelmeer bereits in die EU.

Auch Ägypten, Nigeria und Angola seien Produzenten von LNG und wären in der Lage, mehr Flüssiggas nach Europa zu exportieren. "Dafür braucht es auch gar keine Flüssiggasterminals in Deutschland, denn es gibt schon jetzt insgesamt 20 solcher Terminals in Europa", sagte Liebing. Zusammen könnten diese vier afrikanischen Länder einen signifikanten Beitrag zur Versorgungssicherheit Deutschlands und Europas mit Erdgas leisten und die Abhängigkeit von Importen aus Russland senken. "Es braucht nur den politischen Willen, jetzt mit diesen Ländern entsprechende Verträge zu schließen."

Gleichzeitig könnte Europa so den afrikanischen Ländern wirtschaftlich zur Seite stehen, die von Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine schwer getroffen sind. So sei Ägypten einer der größten Weizenimporteure der Welt und auf Lieferungen aus der Ukraine angewiesen. "Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges für Afrika könnte Europa durch den Kauf von Gas zumindest ein wenig abfedern", betonte Liebing.

Langfristig können auch Länder wie Ghana, Libyen, Mosambik, Senegal und Tansania Europa mit Flüssiggas versorgen - wenn die entsprechende Infrastruktur auf beiden Seiten des Mittelmeers ertüchtigt werde. Diese könnte dann genutzt werden, um grünen Wasserstoff nach Europa zu transportieren. "Deutschland und die EU müssen deshalb endlich ihre Hausaufgaben machen", forderte der Vorsitzende des Afrika-Vereins. "Sonst bleiben wir bei der Versorgung in Krisen weiter verwundbar. (apa/reuters)