Seit die Pandemie die globalen Lieferketten durcheinandergewirbelt hat, ist ein beliebtes Schlagwort völlig aus dem Fokus der Management-Strategen geraten: "Just-in-Time" (JIT). In den Vor-Corona-Jahren strukturierten sich vor allem Industrie und produzierende Betriebe komplett um, tüftelten an Bestellung, Logistik und Lagerhaltung, um nur ja nicht zu viel lagern zu müssen. Das war einfach, solange die Lieferketten wie am Schnürchen liefen und fein abgestimmt werden konnten.

Autoproduktion stockt

Die Welt hat sich jedoch rasant verändert, erst durch die Pandemie, jetzt noch durch den Ukraine-Krieg. Seither kämpfen Unternehmen weltweit mit Nachschubproblemen. Als besonders anfällig erweist sich der Automobilsektor. Er ist auf die unterschiedlichsten Produzenten für seine hochspezialisierten Teile angewiesen. Das macht die Branche angesichts des Ukraine-Krieges erneut sensibel.

So meldeten in Österreich bereits das BMW-Motorenwerk und MAN in Steyr Produktionsausfälle wegen Lieferengpässen. Steyr Automotive stellte am Donnerstag vorübergehend seine gesamte Produktion ein. Grund: Lieferschwierigkeiten bei Kabelbäumen aus der Ukraine. Von den Problemen sei der gesamte MAN-Verbund betroffen, hieß es aus dem Unternehmen. Schon zuvor war bekanntgeworden, dass auch BMW in Steyr vorübergehend seine Produktion wegen Ausfällen in der ukrainischen Zulieferindustrie stoppen musste. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechnen wir damit, dass die Produktion ab Freitag, 4.3., zu einem Stillstand kommt", hieß es von BMW dazu.

Auch der Verband der deutschen Automobilindustrie teilte mit, dass die Branche mit Lieferkettenproblemen kämpfe. Rohstoffe fehlen ebenso wie wichtige Teile, Transportwege seien unterbrochen und die Produktion in Zulieferbetrieben falle aus. "Es wird zu weiteren Beeinträchtigungen bei der Produktion von Fahrzeugen in Deutschland kommen", hieß es. Mehrere deutsche Autohersteller, darunter Mercedes-Benz und Porsche, hatten bereits von Produktionsunterbrechungen berichtet.

Lebensmittel teurer

Sorgen macht man sich auch, nicht nur in Europa, hinsichtlich der Versorgungssicherheit bei Lebensmitteln. "Die Ukraine ist der viertgrößte externe Lebensmittellieferant der EU und beliefert die EU mit einem Viertel ihrer Getreide- und Pflanzenölimporte", teilte der europäische Bauernverband Copa Cogeca mit.

Österreichs Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) beruhigte vor einem Krisentreffen mit ihren EU-Amtskollegen am Mittwoch zwar, dass "derzeit keine direkten Auswirkungen" für den heimischen Agrar- und Lebensmittelbereich zu erwarten seien. Sie ortete jedoch die "Gefahr, dass die Preise bei Agrarrohstoffen und Düngemitteln weiter stark steigen".

Die Ukraine gilt als "Kornkammer Europas". Sie ist der viertgrößte externe Lebensmittellieferant der EU und einer der größten Weizenexporteure der Welt. Die Furcht vor Lieferausfällen bescherte dem Weizen bereits zu Wochenanfang den größten Preissprung seit fast 13 Jahren.

Russland ist nicht nur der wichtigste Brennstofflieferant der EU, sondern liefert auch etwa 30 Prozent der EU-Düngemittelimporte. Die Preise für Gas und Düngemittel verzeichnen seit Monaten starke Preisanstiege. Experten zufolge deutet dies auf dauerhaft steigende Produktionskosten für Europas Landwirtschaft hin.

Ärmste besonders betroffen

Besonders hart trifft der Ausfall Russlands und der Ukraine als Agrarproduzenten jedoch die ärmsten Länder der Welt, speziell im arabischen Raum und in Westasien, warnen Hilfsorganisationen wie das WFP in Deutschland, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP).

Mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel, die das WFP in Krisenregionen verteilt, stammt aus der Ukraine.

Zudem importieren bevölkerungsreiche Länder wie Ägypten und Tunesien Weizen großteils aus Russland und der Ukraine. In der Türkei, die bereits wegen Währungskrise und Inflation mit galoppierenden Lebensmittelpreisen kämpft, stammten 2020 rund 65 Prozent der Weizenimporte aus Russland. Die EU kann als Lieferantin kurzfristig hier nicht einspringen, sind doch ihre Weizenspeicher relativ leer, meinte etwa Martin Banse, Agrarexperte und Chef des Thünen-Instituts für Marktanalyse. Er warnte vor Auswirkungen steigender Brotpreise auf die soziale Stabilität der ärmsten Länder der Welt.(mojo)