Nur zwei Wochen nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine muss die Europäische Zentralbank am kommenden Donnerstag ihren Zins-Kurs abstecken. Im Rekordtempo steigende Preise im Euroraum machen den Währungshütern zu schaffen, die noch Anfang Februar von einer näher rückenden Zinswende sprachen. Doch die Erschütterungen des Krieges vor der Haustür der EU bringen die EZB in die Bredouille. Angesichts der wirtschaftlichen Risiken für den Euroraum spricht vieles für ein vorsichtiges Agieren.

Der von dem Rohstoffgiganten Russland angezettelte Waffengang - Moskau nennt ihn eine "Spezialoperation" - heizt die von einer Preisexplosion bei Öl und Gas angefachte Inflation zusätzlich an. Laut EZB-Chefökonom Philip Lane gilt es dennoch, nichts zu überstürzen. Doch wartet die Notenbank zu lange ab, droht sich die Vorstellung einer dauerhaft hohen Teuerung in den Köpfen der Verbraucher festzusetzen. Dann müssten die Währungshüter die Zügel später um so heftiger anziehen. Bundesbankchef Joachim Nagel mahnt, die Normalisierung der Geldpolitik müsse im Blick behalten werden.

Jetzt kommes es zum Schwur

"Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die EZB seit ihrer Gründung ihren heikelsten Moment vor sich hat", meint Ökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank. Innerhalb der EZB komme es jetzt zum Schwur: "Auf welche Seite schlagen sich die europäischen Währungshüter? Werden Inflationsrisiken oder wirtschaftliche Risiken stärker gewichtet?" Anders als die US-Notenbank Fed dürfte die EZB nach Ansicht mancher Experten Zinserhöhungen weiter auf die lange Bank schieben. Dies auch, weil die räumliche Nähe zum Krieg und die Energiepreis-Rally die heimische Konjunktur abzuwürgen drohe, so die Analysten des Research-Hauses BCA: "Der Ukraine-Krieg verzögert jegliche EZB-Zinserhöhung bis 2023."

Die Zentralbank in Frankfurt fährt trotz hoher Inflation weiterhin einen relativ lockeren Kurs, auch wenn die Anleihen-Zukäufe über das Pandemie-Notprogramm PEPP im Frühjahr enden. Das kleinere Programm APP läuft jedoch in veränderter Form weiter. Das Ende ist noch offen. Dieses gilt aber als Voraussetzung für die Zinswende, die "kurz" nach Auslaufen des Programms gestartet werden soll.

So steht es in der Forward Guidance der EZB - also der Orientierungslinie für die Finanzmärkte. Laut Commerzbank-Ökonom Michael Schubert könnte die EZB mehr Flexibilität erreichen, würde sie das Wort "kurz" streichen: "Zinsanhebungen sind dann je nach Datenlage weiter möglich, aber eben nicht zwingend." Womöglich werde sie auch das Ende der Zukäufe zum Sommer signalisieren, sich aber eine Wiederaufnahme vorbehalten.

Abschlag bei Wachstumsprognose

Laut EZB werden die zur Zinssitzung am 10. März anstehenden Projektionen für Wachstum und Inflation absehbare Folgen der russischen Invasion berücksichtigen. "Dies dürfte zu einem Abschlag bei den Wachstumsprognosen führen, im Gegenzug aber die Inflationsprognosen erheblich nach oben katapultieren", meint DWS-Volkswirtin Ulrike Kastens. Für das Gesamtjahr 2022 könnte die Inflation ihrer Ansicht nach im Durchschnitt auf über fünf Prozent steigen und auch mittelfristig die Zielmarke der EZB von 2,0 Prozent übertreffen.

Zum Vergleich: Die EZB-Ökonomen erwarteten im Dezember, dass die durchschnittliche Teuerungsrate dieses Jahr bei 3,2 Prozent liegen wird. Für 2023 und 2024 wurden jeweils 1,8 Prozent veranschlagt. "Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wirkt einer allmählichen Stabilisierung der Energiepreise und einem graduellen Rückgang der hohen Inflationsraten entgegen", meint KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Zugleich erhöhe sich durch die westlichen Sanktionen gegen Russland das Risiko neuer Preisanstiege.

Auch die Wirtschaft der Euro-Zone dürfte in Mitleidenschaft gezogen werden. EZB-Ratsmitglied Mario Centeno sieht sogar die Gefahr einer Stagflation - also einer vor sich hin dümpelnden Wirtschaft bei gleichzeitig starker Teuerung. Laut EZB-Chefin Christine Lagarde steht die Notenbank "in diesen dunklen Zeiten für Europa" bereit, alles zu unternehmen, um Preis- und Finanzstabilität zu sichern. (reuters)