Russland droht wegen der Eskalation des Ukraine-Krieges eine neue weitreichende Sanktion. Im Raum steht ein Importverbot für russisches Öl, Beratungen zwischen den USA und der EU laufen bereits. Sollte Russland tatsächlich vom Weltmarkt isoliert werden, würde dies das globale Angebot an Öl nicht unerheblich verknappen. Dieses Szenario hat den Ölpreis am Montag stark befeuert und ihn in die Nähe seines bisherigen, vor 14 Jahren markierten Rekordhochs katapultiert. Gleichzeitig hat der jüngste Preisschub Rezessionsängste an den Börsen geschürt.

Im Verlauf sprang der Preis für ein Fass der europäischen Ölsorte Brent zunächst um bis zu 18 Prozent auf gut 139 Dollar, ehe er zurückfiel und sich dann zwischen 120 und 130 Dollar einpendelte. Damit rückt das Allzeithoch vom Sommer 2008 - 147,50 Dollar - immer näher. Allein in der vergangenen Woche hatte Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine dafür gesorgt, den Preis um mehr als ein Fünftel nach oben zu treiben. Unter dem Strich verteuerte sich Brent seit Jahresbeginn bereits um rund zwei Drittel.

Ähnlich ist der Trend beim Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI). Am Montag kostete ein Barrel mit mehr als 126 Dollar um gut neun Prozent mehr, nachdem der Preis zuvor - erstmals seit 14 Jahren - über der 130-Dollar-Marke notiert hatte.

"Wäre massiver Schock"

Russland gilt als weltweit drittgrößter Ölproduzent. Pro Tag sind es 4,5 bis 5 Millionen Barrel, die das Land exportiert. Das entspricht rund fünf Prozent des globalen Ölverbrauchs. Dazu kommen laut der Internationalen Energieagentur täglich noch bis zu 2,8 Millionen Barrel an weiterverarbeiteten Produkten wie Benzin und Diesel dazu.

Sollte der Westen einen Importstopp für russisches Öl verhängen, wäre das ein "massiver Schock für die globalen Märkte", sagt Ethan Harris, ein Volkswirt der Bank of America. "Russland als Öllieferanten auf die Schnelle zu ersetzen, ist unmöglich", erklärt Wifo-Ökonom Josef Baumgartner. "Und damit geht der Preis in die Höhe." Weder die USA noch die Opec seien in der Lage, ihre Ölproduktion so rasch hochzufahren, dass der Ausfall russischen Öls damit wettgemacht werden könnte. "Das geht nicht so schnell", so Baumgartner. Die USA etwa bräuchten mindestens ein halbes Jahr dafür.

Die Ölversorgung selbst sieht der Wifo-Experte kurzfristig nicht gefährdet. "Es wird jedoch enorm teurer, wenn Russland ausfällt."

Die von Russland gelieferten Mengen Rohöl und Treibstoff seien nicht ohne Weiteres zu ersetzen, sagt auch Christ Wheaton, Analyst der US-Investmentbank Stifel. Aus seiner Sicht könnte ein Boykott den Ölpreis auf noch nie da gewesene 200 Dollar steigen lassen. "So viel könnte es kosten, wenn die Welt kein russisches Öl mehr nutzen will", meint Wheaton. Das wäre der "Preis der Freiheit".

Indes traut sich Peter Brezinschek, Chefvolkswirt der Raiffeisen Bank International, noch keine Einschätzung zu, ob sich aus dem starken Anstieg des Ölpreises eine globale Rezession entwickeln kann. Dafür sei es "noch zu früh", so der Experte. "Die Frage ist, ob der Ölpreis dauerhaft bei 120 bis 130 Dollar bleibt oder das nur vorübergehend ist." Klar ist für Brezinschek aber, dass die Ölpreis-Rally die "Gefahr einer Beschleunigung des ohnehin starken Preisauftriebs" - Stichwort: Inflation - in sich birgt.

Brüssel kündigt Paket an

Den möglichen Stopp für Ölimporte als neue Strafmaßnahme gegen Russland haben die USA ins Rollen gebracht. "Wir sprechen jetzt mit unseren europäischen Partnern und Verbündeten, um auf koordinierte Weise die Aussicht auf ein Verbot der Einfuhr russischen Öls zu prüfen", sagte Außenminister Antony Blinken am Sonntag dem US-Nachrichtensender CNN. Blinken sprach von "sehr aktiven Diskussionen".

Das US-Repräsentantenhaus prüfe derzeit eine wirkungsvolle Gesetzesinitiative, die Russland von der Weltwirtschaft weiter abschneiden werde, gab die Sprecherin Nancy Pelosi ferner bekannt. Der Entwurf würde "die Einfuhr von russischem Öl und Energieprodukten in die Vereinigten Staaten verbieten, die normalen Handelsbeziehungen mit Russland und Belarus aufheben und damit den ersten Schritt setzen, um Russland den Zugang zur Welthandelsorganisation zu verwehren".

Die Ukraine hat den Westen zuletzt wiederholt zu einem Verzicht auf Rohstoffimporte aus Russland aufgefordert. Russisches Öl und Gas würden "nach ukrainischem Blut riechen", betonte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba am Wochenende auf CNN.

In Brüssel scheint man darauf bereits zu reagieren. Am Dienstag will die Europäische Kommission laut ihrer Chefin Ursula von der Leyen Vorschläge für eine schnelle Abkopplung der EU von russischen Energielieferungen präsentieren. "Wir müssen uns aus der Abhängigkeit von Gas, Öl und Kohle aus Russland befreien", so von der Leyen. Konkret gehe es darum, die Versorgung über zuverlässige Lieferanten außerhalb Russlands sicherzustellen.