Steigende Energiepreise infolge des russischen Ukraine-Krieges haben die türkische Inflationsrate auf den höchsten Stand seit 20 Jahren getrieben. Die Verbraucherpreise legten im März um 61,14 Prozent zum Vorjahresmonat zu, wie das Statistikamt am Montag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten sogar einen Anstieg auf 61,6 Prozent erwartet, nachdem die Teuerungsrate im Februar noch bei rund 54 Prozent gelegen hatte. Ökonomen gehen davon aus, dass die Inflationsrate auch am Jahresende noch bei mehr als 50 Prozent stehen wird - nicht zuletzt infolge der nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine stark gestiegenen Energiepreise.

Besonders stark verteuerten sich die Spritpreise: Die Transportkosten - zu denen die Benzin- und Dieselkraftstoffe gezählt werden - verdoppelten sich binnen eines Jahres. Die Türkei importiert nahezu ihren gesamten Energiebedarf, weshalb sie die weltweit infolge des Ukraine-Krieges gestiegenen Preise für Öl und Gas besonders zu spüren bekommt. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke kosteten 70,33 Prozent mehr als im März 2021, während für Möbel 69,26 Prozent mehr bezahlt werden mussten.

Kritik an Zentralbank

Die türkische Zentralbank strebt eigentlich eine Teuerungsrate von fünf Prozent an. Die Inflation lag in den vergangenen fünf Jahren meist im zweistelligen Bereich, was an den Einkommen und Ersparnissen der Türken zehrt. Experten geben der Notenbank eine Mitschuld an der Entwicklung. "Die Politik der Zentralbank funktioniert bei der Bekämpfung der Inflation einfach nicht", sagte Analyst Tim Ash vom Finanzhais BlueBay Asset Management. "Ich glaube sogar, dass der überwiegende Konsens darin besteht, dass die unorthodoxe Politik der Zentralbank eine der Hauptursachen für die Inflation ist. Der Krieg in der Ukraine macht die Lage nur noch schlimmer."

Die Notenbank hat trotz der drastischen Abwertung der Landeswährung Lira ihren Leitzins in der zweiten Jahreshälfte 2021 schrittweise von 19,0 auf 14,0 Prozent gesenkt. Dabei müsste sie nach Einschätzung der meisten Ökonomen das Gegenteil tun, nämlich mit höheren Zinsen die eigene Währung attraktiver machen. Die Lira hat im vergangenen Jahr 44 Prozent ihres Wertes zum Dollar eingebüßt, was wiederum die Inflation befeuert. Denn das rohstoffarme Land importiert mehr Waren als es exportiert. Die Einfuhren werden oftmals in Dollar und anderen Devisen abgerechnet. Präsident Recep Tayyip Erdogan vertritt seit langem die unübliche Ansicht, dass die Zinsen die Inflation verursachen. Er hat im vergangenen Jahr ein neues Wirtschaftsprogramm aufgelegt, das niedrigen Zinsen, Exporten, Krediten und Investitionen Vorrang einräumt. (reuters)