Seit zwei Wochen befindet sich Shanghai pandemiebedingt im Lockdown. Mitte der Woche wurde dieser aufgrund der Zero-Covid-Politik Chinas auf unbestimmte Zeit verlängert. Für den Warenverkehr und den Welthandel ist das schwer zu verdauen. Vor dem Hafen Shanghai, einem der wichtigsten Seehäfen der Welt, warten aktuell 168 Containerschiffe, um ent- oder beladen zu werden. Der Hafen ist zwar in Betrieb, doch weil in der 26 Millionen Einwohner zählenden Stadt Hausarrest verhängt wurde, können auch die Hafenarbeiter nicht zur Arbeit gehen. Dieses Szenario betraf in den vergangenen Monaten auch andere chinesische Städte und Häfen, wie Shenzhen und Dongguan. Entsprechend wurde auch die Produktion in den Fabriken von VW, Tesla und anderen Unternehmen gedrosselt oder gestoppt.

Laut des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) stecken derzeit etwa zwölf Prozent der weltweit verschifften Waren fest, melden Agenturen. In Shanghai würden in normalen Jahren 45 Millionen Container jährlich umgeschlagen, weltweit seien etwa 40 Millionen Container verfügbar, sagt Lothar Thoma, Geschäftsführer Luft- und Seefracht beim Vorarlberger Logistikunternehmen Gebrüder Weiss. Doch diese Normalität gibt es seit zwei Jahren nicht mehr. "Wir waren verwöhnt davon, wie gut es funktioniert hat", so Thoma.

Schiffsstau vor dem Hafen von Shanghai. - © WZ / Marine Traffic
Schiffsstau vor dem Hafen von Shanghai. - © WZ / Marine Traffic

Nicht nur die Nervosität, auch die Kosten stiegen aufgrund der wiederholten Lockdowns. Mitte März kostete das Chartern eines Containers 13.000 US-Dollar. Weil nun weniger produziert und versendet werde, seien diese Kosten derzeit zwar etwas niedriger und liegen bei etwa 11.000 US-Dollar pro Container, so Thoma, aber noch immer ist es der zehnfache Preis als vor der Corona-Pandemie. Reedereien seien die Gewinner in dieser Situation, sagt Thoma. Wann wieder Normalität einkehrt, weiß niemand. Thoma rechnet damit, dass der Hafen Shanghai erst im Mai wieder in vollem Betrieb sein werde. Dann ist damit zu rechnen, dass das Pendel umschlägt und sich vor dem Hafen Los Angeles, dem größten Handelskorridor für Waren aus China, ein Nadelöhr bildet. Dort ist die Lage derzeit nämlich entspannt.

Alternative Wege

Gestörte Lieferketten bedeuten nicht, dass keine Lieferungen mehr möglich seien, sondern, dass sie länger brauchen und teurer würden, sagt Alexander Klacska, Spartenobmann Logistik bei der Wirtschaftskammer Österreich und Geschäftsführer eines Familienbetriebs. "Logistiker müssen immer kreativ sein." Auch Robert Hartmann, Geschäftsführer beim Salzburger Logistikunternehmen Quehenberger, bestätigt, dass die Abstimmung vor Ort aufwändiger geworden sei: Der Verlader, beziehungsweise der Produktionsbetrieb, müsse in ständigem Kontakt mit den Spediteurunternehmen sein, ob die Fracht verladen werden könne. "Da kann es stündlich zu Änderungen kommen", so Hartmann.

Alternativen zur Seefracht wären Luftfracht und der Schienenverkehr, doch beides ist kostspieliger. Vor der Pandemie wurde bis zu 70 Prozent der Luftfracht nach China in normalen Linien- und Tourismusflügen transportiert, die in dieser Frequenz noch nicht wiederhergestellt wurden. Die Lage am Flughafen Shanghai sei ähnlich der am Seehafen, sagt Hartmann. Waren von Österreich nach China beispielsweise können dort derzeit verladen werden, wenngleich es zu Wartezeiten kommen könne. Die Preise, die bei der Luftfracht pro Kilogramm verrechnet werden, haben sich verdoppelt. "Seit Anfang März steigen die Frachtpreise wöchentlich, von knapp unter zwei Euro pro Kilogramm bis vier Euro pro Kilogramm und mehr", sagt Hartmann.

"Verlernt, Risiko zu sehen"

Die Bahnverbindung von China nach Europa, die wiederbelebte chinesische Seidenstraße, ist nicht für alle Logistiker eine Alternative. Klacska gibt zu bedenken, dass Containerschiffe eine weit höhere Kapazität haben als Züge. Ein Zug kann bis zu 100 Container transportieren, während auf einem Schiff mehr als 10.000 Container Platz haben. "Wir haben verlernt, das Risiko zu sehen, weil es bisher so gut gelaufen ist", sagt der Ökonom Harald Oberhofer. Gegen die Folgen von gestörten Lieferketten hätte eine stärkere Diversifizierung von Bezugsquellen und eigene Lager versichert.

Nicht nur Shanghai bringt die Lieferketten ins Wanken, auch der Ukraine-Krieg stellt die Logistikbranche vor Herausforderungen. "Große Reedereien fahren Russland und die Ukraine nicht mehr an und routen ihre Schiffe um. Es kommt zu massiven Verzögerungen, und Container stehen und warten, abgeholt zu werden," sagt Klacska. Hafengebühren, die 120 Euro pro Tag und mehr betragen, übersteigen bei machen Lieferungen schon den Warenwert, so der Logistik-Experte. Während laut IfW an den drei größten Häfen Russlands - St. Petersburg, Wladiwostok und Novorossiysk - der Containerfrachtverkehr um die Hälfte eingebrochen ist, ist der ukrainische Hafen Odessa schon seit Kriegsausbruch im Februar nicht mehr in Betrieb.